750 000 Menschen auf der documenta

- Die documenta, die zwölfte "Weltkunstausstellung" seit 1955, endet am Sonntag. Man erwartet, dass bis zum Schluss 750 000 Besucher die Schau gesehen haben werden. Von der Kritik wurde sie heftig gerupft. Roger Buergel (44), künstlerischer Chef, und Mitkuratorin sowie Lebensgefährtin Ruth Noack ziehen Bilanz.

- Wie fühlen Sie sich zum Ende der documenta, zum Ende von drei Jahren Arbeit und 100 Tagen Ausstellung?

Buergel: Herrlich! Auf der einen Seite war es schön, aber gleichzeitig freut man sich auch, dass es geschafft ist. Noch denken wir aber nicht an das Ende. Und dann soll es, so ist es mir am liebsten, beiläufig ausklingen.

Noack: Ich bin ein bisschen traurig, dass am Montag die Kunstwerke wieder eingepackt werden. Auch die, die ich noch gar nicht richtig würdigen konnte. Aber wir werden am Sonntag ein Schild aufstellen mit dem Datum für die documenta 13 und dann ist die documenta 12 vorbei.

- Sie hatten gesagt, dass Sie mehr erklären müssen und wollen. Man hat davon wenig gemerkt.

Noack: Doch, wir haben Schilder gemacht. Aber die werden ständig geklaut. Die sind nur mit Stecknadeln befestigt und offenbar zu Sammlerobjekten geworden. Unsere Mitarbeiter kommen kaum nach, die immer wieder neu zu machen.

Buergel: Natürlich kann man alles irgendwie erklären. Aber dann fängt man an, die Ausstellung zu betrügen. Wenn man sich mit Erklärungen zubaut, bleibt von der Kunst nichts mehr übrig. Wenn Sie zu jedem Werk drei A4-Seiten lesen müssen, brauchen Sie spätestens nach dem fünften einen Kaffee, und zwar einen starken.

- Die Besucherzahlen sprechen für Sie. War die documenta 12 eine wirklich wichtige documenta?

Buergel: Keine Ahnung. Das sollen andere entscheiden. Über den schönen Erfolg auf dem Gebiet des Populären freue ich mich. Wir können uns aber darüber nicht legitimieren. Wahrscheinlich ist das auch eine Falle für documenta. Die documenta 13 hat womöglich nur 250 000 Besucher, ist aber vielleicht eine ganz, ganz wichtige Ausstellung. Das ist eine Gefahr in der Kulturpolitik, dass man sich zu sehr an diesen Quoten orientiert.

Noack: Wir haben mit vielen Experten gesprochen: Kunstkritikern, Galeristen, Museumsdirektoren, auch Kunsthändlern. Da ist man sich ziemlich einig, dass ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Wenn man heute Weltkunst ausstellt, kann man nicht mehr ein europäisches Schema anlegen.

Das Gespräch führte Chris Melzer

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