Den Menschen durchwalken

- Schwer zu sagen, wie die Geschichte der Interpretation ohne ihn verlaufen wäre. Sicher ist jedoch: Wer heute Barock und Wiener Klassik spielt, kommt um die singuläre Gestalt Nikolaus Harnoncourts, um seine Erkenntnisse, um die "Musik als Klangrede" (so der Titel eines seiner erfolgreichen Bücher) nicht herum. Kein anderer Dirigent hat die Aufführungspraxis in den letzten Jahrzehnten so beeinflusst. Da überrascht es schon, dass der Österreicher erst jetzt, mit 76 Jahren, beim Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks debütiert. Am 21. und 22. Oktober ist er im Herkulessaal mit Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri" zu erleben. Das oratorienhafte Stück handelt von einem gefallenen Engel, der ins Paradies zurückwill, dafür aber "des Himmels liebste Gabe" mitbringen muss.

Warum dirigieren Sie erst jetzt das Symphonie-Orchester des BR?

Harnoncourt: Dafür gab's viele Gründe. Auch mein Terminkalender hat das lange nicht zugelassen. Ich bin nicht jemand, der viel herumreist, der auch mit vielen Orchestern arbeiten will. Einzelne Musiker aus dem Ensemble habe ich bei anderen Gelegenheiten immer wieder getroffen, ich kenne Mariss Jansons sehr gut, dann hat auch die Schallplattenfirma Vorschläge gemacht. Und alle sagten immer: Da muss etwas geschehen mit dem Orchester, da musst du hin.

"Der Mensch, der sich der Kunst ausliefert, schaut in den Spiegel."

Nikolaus Harnoncourt

Ein neues Orchester: Müssen Sie, was die Vermittlung Ihres Stils betrifft, jetzt bei Null anfangen?

Harnoncourt: Bei einem Spitzenorchester ist das heute nicht mehr nötig. In den letzten 20, 30 Jahren hat sich ein Grund-Informationsstand gebildet. Außerdem handelt es sich hier um ein Werk der Hochromantik, da brauche ich nicht an die Grundfesten der Aufführungspraxis zu gehen. Andererseits bin ich oft entsetzt, wie führende Orchester und Dirigenten mit diesen Stücken umgehen. Die Schumann'sche Orchesterbehandlung, die zwischen Beethoven, Brahms und Weber liegt, ist so eigen, dass man entweder einstimmen kann in das Geheul der Musikwissenschaftler: "Der Schumann kann nicht instrumentieren!" Oder man muss eben die Art, wie er seine Musik notiert hat, verstehen.

Zu Schumanns Zeit war dies eines seiner beliebtesten Werke. Und heute? Was ist da passiert?

Harnoncourt: Das passierte allen seiner oratorienhaften Stücke. Die Faust-Szenen, die "Peri", auch "Manfred". Und schlimmer erging's seiner wunderbaren, wichtigen Oper "Genoveva". Ich will wirklich diese Musik so spielen lassen, dass sie so unter die Haut geht wie zu ihrer Entstehungszeit.

Was ist die Grundidee der "Peri"?

Harnoncourt: Dass jeder Mensch nach etwas zu streben hat, das an der Grenze des Unnmöglichen liegt. Dass man mit allen Fasern etwas erreichen muss, das so hoch liegt, dass es die ganze Persönlichkeit verlangt. Wie bei einem Sporttrainer. Da hat man sich total verausgabt, und dieser Unmensch sagt: "Los, noch zwei Hundertstel weniger!" Das finde ich in einer Zeit, in der die Pensionisten- und Beamtenmentalität derart Platz greift, entscheidend. In einer Zeit, in der es offenbar wichtig geworden ist, dass man der Freizeitindustrie möglichst viel in den Rachen wirft.

Aber immerhin hört der Mensch in seiner Freizeit solche Werke an, die ihm moralische Nachhilfe bieten können.

Harnoncourt: Wobei ich nicht der Meinung bin, dass die Musik eine angenehme Freizeitbeschäftigung sein sollte. Der Mensch, der sich der Kunst ausliefert, schaut in den Spiegel. Da sieht er nicht nur schöne Dinge. Und nach dieser Konfrontation ist der Mensch nicht mehr derselbe. Die Kunst hat die Aufgabe, ihn durchzuwalken und zu einer Selbsterkenntnis zu bringen.

Tritt einem auch Schumann selbst entgegen in diesem Werk?

Harnoncourt: Ja, das ist das Merkwürdige. Dieses verzweifelte Ringen mit sich selbst . . . Er hatte viele Probleme mit seiner Persönlichkeit. An und für sich bin ich sehr dagegen, Biografie und Werk zu vermischen. Bei Mozart ist das auffallend, wie beides überhaupt nicht zusammenhängt, eine Ausnahme ist das "Requiem".

Die "Peri" haben Sie schon dirigiert. Ist die Wiedervorlage eines Werks für Sie ein Neuanfang oder eine weitere Stufe auf dem Weg zur Idealinterpretation?

Harnoncourt: Wenn ich wichtige Werke wieder dirigiere, ist immer ein großer Abstand dazwischen. Bei mir geht eine Aufführung nicht in Serie. Meine erste Aufführung der "Peri" vor etwa zehn Jahren war eine Entdeckung für mich, und jetzt will ich's genau wissen. Idealgestalt? Also Perfektion find' ich irgendwie unmenschlich. Aber der Versuch, dem Vollkommenen nahe zu kommen, den unternimmt doch jeder Tischler. Allerdings kann ich mir einfach keinen Meisterhandwerker vorstellen, der die absolute Perfektion erreicht.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre frühen Interpretationen zurück?

Harnoncourt: Ich blicke eigentlich nicht zurück, weil ich noch aktiv bin und es in mir arbeitet. Manchmal ergeben die Umstände, dass ich mir etwas anhöre. Und dann kommt es zu zwei möglichen Reaktionen. Entweder ich bin überrascht, wie weit wir damals waren. Oder ich muss lachen darüber, was ich alles nicht gewusst habe.

hre Stellung in der Musikwelt ist mittlerweile unumstößlich. Empfinden Sie Genugtuung angesichts vieler Anfangsschwierigkeiten? Denken Sie sich: Seht, ich hatte doch Recht?

Harnoncourt: Überhaupt nicht. Das mag von außen so wirken, von innen her sieht es ganz anders aus. Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, gegen etwas anzukämpfen. Ich war immer verwundert, wenn ich mit Orchestern erstmals Werke aufgeführt habe, die dort stets anders gespielt wurden. Die Opposition habe ich gar nicht wahrgenommen. Da ich als früherer Tutti-Cellist viel Erfahrung mit Orchesterpsychologie habe, habe ich das immer auf die persönliche Konstellation geschoben. Wenn's also mit den Bläsern nicht klappte, habe ich die Streicher erst mal rausgeschickt, dann gab es keine Prestigeprobleme zwischen den Gruppen mehr. Ich kann mir mein Aufhören aus organischen Gründen vorstellen, wenn ich also nicht mehr gut hören kann oder zu gebrechlich bin. Dann wäre ein Rückblick schon denkbar.

Sie gelten nicht zuletzt als der Anwalt Mozarts schlechthin. Graust es Ihnen vor 2006, vor dem Mozart-Jahr?

Harnoncourt: Ja. So ein Jahr kann eine Bedeutung haben, wenn man ein bisschen auf den Namensgeber schaut. Aber wer in aller Welt hat irgendein Anrecht, auf Mozart stolz zu sein? Die Salzburger sicher nicht, Wien auch nicht. Es gibt natürlich die Werke Mozarts, und die stellen Anforderungen an die Gesellschaft. Und wenn die Gesellschaft jetzt sagt, wir haben den tollen Mozart, den stempeln wir uns überall drauf, Europa heißt Mozart und so weiter, dann ist es im Grunde ein geschäftliches Ereignis der Event-Industrie.

Also weniger Mozart-Pflege als vielmehr Mozart-Kugel.

Harnoncourt: Da tun Sie der Mozart-Kugel Unrecht. Der Mozart wird nicht durch die Kugel vermarktet. Aber der Salzburger Flughafen heißt nach ihm. Ich kann da gar nicht landen, weil mir das so weh tut.

Allerdings: Im nächsten Salzburger Festspiel-Sommer, wenn alle Mozart-Opern gespielt werden, sind Sie doch ein Teil dieses Event-Projekts.

Harnoncourt: Ich bin kein Teil davon. Wenn das nur einigermaßen gut geht, werde ich froh sein. Die Idee ist ja nicht von mir. Ich hab' immer gesagt, dass ich es fast für unmöglich halte, alle Opern adäquat zu besetzen. Wenn das möglich sein könnte, wäre das Projekt nicht uninteressant. Man würde erkennen, dass das alles Meisterwerke sind. Ich hätte es besser gefunden, wenn man im Jänner damit angefangen und im Dezember geendet hätte.

"Der Mozart ist für mich ein unheimliches Doppelwesen."

Nikolaus Harnoncourt

Demnach wird es zu keiner neuen Diskussion über die Person Mozart kommen?

Harnoncourt: Sie wird uns nicht bekannter werden. Ich kenne alles, was es Biografisches über Mozart gibt. Und im Grunde findet man nur ein läppisches Herumtappen. Einen solchen Menschen können Sie nicht biografisch erfassen. Der Mozart ist für mich ein unheimliches Doppelwesen, weil Mensch und Komponist einfach nicht dasselbe sind. Ich habe das Gefühl, dass der als Künstler Dinge weiß und in seinen Werken thematisiert, die er als Mensch nicht wissen kann. Der spricht von Erfahrungen, die er gar nicht gemacht haben kann.

Aber ist das nicht oft so? Kommt das nicht sogar bei Interpreten vor, dass sie auf der Bühne mehr zulassen, als sie sich im Privatleben zugestehen?

Harnoncourt: Wenn es um diesen Exhibitionismus geht, den die Kunst verlangt . . . Das mag wohl wirklich eine Trennung der beiden Existenzen bedingen.

Und wie sieht das bei Ihnen aus?

Harnoncourt: Für mich ist der reproduzierende Künstler nicht so abgehoben. Auf alten Plakaten ist doch der Komponist ganz groß gedruckt und heute ganz klein, dafür beherrscht der Künstler alles. Kusejs "Don Giovanni", meinetwegen Harnoncourts Mozart, das finde ich schon irgendwie grotesk.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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