Menschen festhalten

- "Beim Fotografieren muss der Funke überspringen; ich muss denjenigen gern haben - oder ich höre schnell auf. Jemanden aufzunehmen ist Analyse, man kommuniziert miteinander . . . Entscheidend ist das Kindsein . . . Ich bin auch so ein Kind." Stefan Moses, der große Fotograf, feiert heute seinen 75. Geburtstag, und doch hat er Recht: Er ist Kind geblieben. Nicht allein weil sein Blick so frisch und unbeeinflusst ist wie eh und je, sondern weil sein Herz begeisterungsfähig ist, ungeniert im Witz, geradeheraus im Umgang mit den Menschen und doch zart, gehörig eigensinnig, wenn's drauf ankommt.

<P>Wer ihm begegnet, mit ihm plaudert, weiß, warum sich ihm die Wichtigen dieser Welt von Philosophen bis Komponisten, die Mächtigen und eben auch der so genannte einfache Mann von der Straße "unterwerfen". Politiker packten brav seine Hanteln an, um sich ablichten zu lassen, Dichter stellten sich zwischen Bäume und ins Gebüsch, und die DDR-Bürger, denen gerade die unabsehbare Umwälzung in ein anderes System bevorstand, traten vertrauensvoll vor ein graues Tuch. </P><P>Auch bei der jüngsten Serie von Schauspieler-Porträts für Dieter Dorns frisch installiertes Staatsschauspiel-Ensemble in der Saison 2001/02 blieb Stefan Moses' Auge frei, kindlich. Er schönt nicht, glättet nicht, von Glamour schon gar keine Spur. Seine Bildnisse schauen hinter die Schauspielergesichter, denn sie zeigen im Grunde Theatermasken. Lassen, nahe an den Betrachter herangeholt, das antike "zweite" Gesicht, die "persona", ahnen. <BR><BR>Stefan Moses, schon viele Jahrzehnte ein Münchner "Kindl", wurde 1928 in Liegnitz (Schlesien) geboren. Wegen jüdischer Vorfahren war er gefährdet, konnte aber nach dem Krieg seinen Weg als Fotograf der Menschen konsequent fortsetzen. Das beweisen der aktuelle, sehr vielseitige Schirmer/Mosel-Band und die Retrospektive auf sein Werk, die jetzt (nach München im Winter 2002/ 03) im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen ist: vom lachenden Selbstbewusstsein der jungen Schäferin im Osten (1990) bis zur unendlich rührenden Käthe Kruse, die sich an ein Püppchen schmiegt (1963). <BR><BR>Stefan Moses' Credo stimmt: "Fotografieren ist permanente Erinnerungsarbeit. Meine ist: Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen."<BR></P>

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