Den Menschen in der Figur gesucht

- Demut - dieses Wort ist ja so gut wie vollständig aus unserem Vokabular und damit aus unserem Existenzverständnis herausgefallen. Der große Peter Lühr (1906-88) hatte noch Demut, vor dem Beruf des Schauspielers, vor jeder seiner Aufgaben. Bescheidene Künstler seiner Art geraten jedoch schneller in Vergessenheit als jene mit immer leicht zu vermarktendem Star-Status.

 Umso schöner, dass ihm, der ja immerhin den Münchner Kammerspielen von 1947 bis zu seinem Tod angehörte, jetzt zu seinem 100. Geburtstag das hiesige Deutsche Theatermuseum eine Ausstellung widmet: "Peter Lühr - die unvergesslichen Rollen".

Eine Erinnerungsfeier an seinen so zart und verzichtend liebenden Pandarus in "Troilus und Cressida", seinen Großinquisitor in "Don Karlos". Lühr als salopper Narr in "Was ihr wollt" und in der Titelrolle von Tankred Dorsts "Merlin oder das Wüste Land". Und da - aber im Grunde ja in jeder Partie - ein wahrer Zauberer, der ganz schnell sein Lebensalter abstreifen, sich zum Kindlichen hin verwandeln konnte.

Das Wort "Alterskarriere" erscheint einem bei Lühr daher wenig angebracht, obwohl die hier dokumentierten sechs Rollen aus den vom damals neuen Führungs- und Regie-Team Dieter Dorn und Ernst Wendt geprägten 80er-Jahren wohl Höhepunkte waren in dieser 61-jährigen Laufbahn des Hamburger Kaufmannssohnes, der vom Boulevard bis zu den großen Klassikern alles gespielt hat. Und sich in seinen späten 70ern auch noch auf ihm zwar unbequeme, aber eben neu fordernde Regieweisen einließ: auf Robert Wilsons bildnerischen Spiel-Minimalismus in "Die goldenen Fenster", auf George Taboris langes Besprechen und Improvisationsprozesse bei Becketts "Warten auf Godot".

Seinen Estragon wie auch die anderen "unvergesslichen Rollen" sind hier nachzuerleben dank Video-Ausschnitten und Oda Sternbergs exquisiten Aufführungsfotos. Ihre Porträt-Reihen, zu beiden Längsseiten des Ausstellungsraumes auf Augenhöhe aufgereiht, zeigen gleichsam wie im Daumenkino Lühr in seiner ganzen Ausdrucksfähigkeit. In dem Fernseh-Interview von 1986 der Kuratorin Christina Haberlik dann auch Lühr selbst über seine Arbeiten, so diskret, so uneitel, wie man ihn von der Bühne erinnert. Nie hat er sein Handwerk ausgestellt, immer vor allem den Menschen in der Figur gesucht.

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