Warum sind Sie heute Morgen aufgestanden? Diese Frage, die als Laufschrift über dem Mini-Guckkasten zu lesen ist, können die Figuren aus Tschechows „Onkel Wanja“ an den Münchner Kammerspielen nicht beantworten (v. li.): Astrow (Maximilian Simonischek), Professor Serebrjakow (Stephan Bissmeier), seine Tochter Sonja (Anna Drexler), Telegin (Stefan Merki), Wanja (Benny Claessens), der das Gut mit Sonja bestellt, und Jelena (Wiebke Puls), die neue Frau an der Seite des Professors. Foto: julian röder

Premierenkritik

"Onkel Wanja": Menschen als Pointenmaterial

München - Hausherr Johan Simons vollendete an den Kammerspielen Karin Henkels Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Dieser Abend stand auf der Kippe. Während der Proben zu Anton Tschechows „Onkel Wanja“ an den Münchner Kammerspielen erkrankte Regisseurin Karin Henkel so sehr, dass sie ihre Inszenierung nicht abschließen konnte. Hausherr Johan Simons übernahm diese zweieinhalb Wochen vor der Premiere und führte sie zu Ende. Im Rückblick ist nicht zu beurteilen, wie weit der Abend gediehen war, als der Intendant einsprang. Es ist auch unwichtig, denn diese zwei Stunden sind – mit Einschränkungen – unterhaltsames Theater, das bei der Premiere am Donnerstag für viel Gelächter sorgte.

Dem Regie-Duo ging es nicht um fein ziselierte Charakterstudien oder psychologische Figurenzeichnung. Bereits der schwarze Mini-Guckkasten, den Muriel Gerstner an die Rampe im Schauspielhaus gebaut hat, erinnert an ein Kasperltheater. Hier ist also die Enge ganz real, in der Tschechows Provinzler ihr Leben zu meistern versuchen. Bewegungsfreiheit haben die Schauspieler kaum. Das spiegelt die gesellschaftliche Erstarrung, in der diese 1899 uraufgeführten „Bilder aus dem Landleben“ angesiedelt sind. Das Bühnenbild ist zudem die konsequente Weiterentwicklung jenes schmalen Stegs vor einer schwarzen Wand, auf dem Jürgen Gosch (1943-2009) ein Jahr vor seinem Tod Tschechows „Möwe“ (1895) am Deutschen Theater in Berlin wunderbar und eindringlich in Szene setzte.

Der ein Jahr später verfasste „Onkel Wanja“ ist eine todtraurige Komödie: Wanja und Sonja müssen erkennen, dass sie ihrer Vergangenheit beraubt wurden, weil sie sich all die Jahre vergeblich für den aufgeblasenen, parasitären und hypochondrischen Professor aufgearbeitet haben. Sie und die anderen wissen nicht, wie es mit ihnen weitergehen könnte. „Vergangenheit: Null. Die habe ich für Nebensächlichkeiten weggeworfen“, stellt Wanja an einer Stelle fest und fährt fort: „Gegenwart: Null. Hier haben Sie mein Leben und meine Liebe: Wo soll ich hin damit?“

Die Menschen auf dem Landgut von Wanjas verstorbener Schwester, der ersten Frau des Professors, leben ohne Hoffnung auf „Veränderung“ oder gar „Verbesserung“. Einzige Herausforderung und Anstrengung ist hier noch das Aufstehen, wie Benny Claessens zeigt. Als Wanja sitzt er denn auch die meiste Zeit wie ein schmollendes Kind am Rand des Guckkastens und lässt die Beine baumeln. Aus seiner Lethargie reißt ihn nur die Ankündigung des Professors, das Gut verkaufen zu wollen – doch Wanja misslingt, wie alles andere, auch der Mordanschlag. „Warum sind Sie heute Morgen aufgestanden?“, lautet – auf Englisch – die Frage an ihn und das Publikum, die im ersten Akt über eine elektronische Anzeigetafel läuft. Eine im Lauf des Abends immer überflüssiger werdende Spielerei, die auf einer Arbeit des Fluxus-Künstlers Robert Filliou basiert, aber nur selten dem Bühnengeschehen etwas hinzufügen kann. Wanja hat keine Antwort darauf.

Die Inszenierung arbeitet durch ihre formale Strenge, ihre Reduktion von Spiel und Text sehr überzeugend eben jene Erstarrung heraus, in der die Gesellschaft so hilflos gefangen ist. Mit ihrem plakativen Zugriff auf das Stück konzentrieren sich die Regisseure vor allem auf dessen Komik: Tschechows Menschen – hier sind sie ein Typenkabinett, Pointenmaterial. Stephan Bissmeiers Professor, ein „Gicht-Gerippe“. Dessen Tanzversuche: eine vom Premierenpublikum gerne belachte Slapstick-Nummer. Maximilian Simonischeks Arzt Astrow, ein dauerbesoffener Penner: Auch dessen Ausfälle und Torkeln sind für viele Lacher gut. Doch dass Tschechows Komik eine verzweifelte ist, dass bei ihm das Lachen und der Schmerz zusammengehören, dass seine Figuren nicht herausfinden aus der Trostlosigkeit ihres Daseins, dafür fehlt dieser Inszenierung leider oft das Gespür.

Wiebke Puls lässt diese Tragik erahnen. Ihre Jelena ist angewidert und gelangweilt von den Landmenschen. Sie hebt sich allein schon optisch in ihrer rosa Robe von der grau-faden Kleidung der anderen ab (Kostüme: Klaus Bruns). Mit ihrer Stieftochter Sonja, die so unsterblich wie hilflos in Astrow verliebt ist, treibt diese Frau zum eigenen Gaudium ein zynisches Spiel. Es ist die vielleicht stärkste Szene des Abends, als Jelena dem Mädchen anbietet, Astrow nach dessen Chancen bei ihm auszufragen – wissend, dass der Arzt Sonja überhaupt nicht als Frau wahrnimmt. Falckenberg-Schülerin Anna Drexler gelingt eine so treffend komische wie anrührende Studie dieses bebrillten Mauerblümchens, das nur weiterleben kann, weil es noch Hoffnung hat – und sei es auf die „Ruhe“ nach dem Tod.

Standing Ovations und Jubel, wie schon lange nicht mehr in den Kammerspielen.

Nächste Vorstellungen am 10., 20., 23. und 28. April; Telefon 089/ 233 966 00.

Von Michael Schleicher

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