Auf den Menschen schauen

- "Form' die Silben wie Schneebälle und wirf sie mir zu", animiert der Lehrer die Schauspielschülerin, während er einen imaginären Ball formt und ihn zusammen mit einem satten Laut dem Mädchen zuschleudert. Körper und Sprechen werden zur Einheit. Und schon ist die Schneeball-Silbenschlacht zwischen zwei Schülerinnen im Gang, wenn sie auch noch nicht wieder so selbstvergessen toben können wie einst als Kinder.

"Hier ist alles, was Atem braucht, Luft, Licht; also Sprechen, Singen . . ." Sigrid Herzog

Die legendäre Münchner Otto-Falckenberg-Schule ist wieder zurück. Und hat das Haus an der Hildegardstraße 3 neben dem Blauen Haus seit Kurzem bezogen. Heute wird mit Festakt und Fete die Heimkehr ausführlich zelebriert. Nach Jahren des Umbaus, Renovierens und der Auslagerung an die Dachauer Straße (beim Leonrodplatz) erschallen schon seit ein paar Tagen im Altbau - dezenter Maximilianstraßen-Stil - dröhnende Dezibel, wenn eine Gruppe probt, oder vorsichtig gewölbte Ton-Bögen in einer Einzelübung.

Christoph Leimbacher, Chef der in die Kammerspiele eingegliederten Fachakademie der Stadt München, und seine Stellvertreterin Sigrid Herzog freuen sich - trotz Umzugsstress. Die Rahmenbedingungen für die 48 Schüler, zwölf hauptberuflichen und 15 nebenberuflichen Lehrkräfte sind nun wesentlich verbessert. Der Abenteuerspielplatz Dachauer Straße 114 (samt Mäusen und Ratten) bleibt jedoch in Nutzung. Denn erst im zweiten Bauabschnitt werden in der Stollbergstraße 9 neben Künstlerwohnungen fürs Schauspielhaus sechs Räume für den szenischen Unterricht (davon ist ein Saal Studiobühne) errichtet (3,3 Millionen Euro; Ende 2007 fertig). Auf eine eigene Bühne wurde aus Kostengründen verzichtet. Als Ersatz fungiert der Werkraum.

In der Hildegardstraße aber hat die Schule nicht nur Büros und Bibliothek, sondern drei Sprechräume, zwei für Gesang sowie einen Theorieraum. Lehrerzimmer gibt es, Platz für Körpertraining vom Fechten bis zum Tanzen. Insgesamt 860 Quadratmeter. Der Ausbau des sanierten Hauses - neuer Dachstuhl, trocken gelegter Keller - ist schlicht. Installationen sind auf Putz, damit sie variabel gehandhabt werden können. Punktelastische Böden dienen den Körperaktivitäten. Die vorgesehenen 2,15 Millionen Euro wurden unterschritten (1,9). "Unser helles Haus", strahlt Sigrid Herzog, "hier ist alles, was Atem braucht, Luft, Licht; also Sprechen, Singen . . ." Und in der Tat sind die Räumlichkeiten rundum freundlich und wohnlich. Ein wenig altes Edel-Parkett hat sich sogar erhalten; rumgefetzt wird aber auf grünem und gelbem Linoleum - "Spinat" und "Spiegelei" laut Herzog. "Einen einzigen ,Luxus’ haben wir uns gewünscht", berichtet Leimbacher. Da die Schüler oft von neun Uhr früh bis zehn Uhr abends im Haus sind, sollen sie dort auch ihre Wäsche waschen und kochen können, was überdies den Geldbeutel entlastet.

An solchen scheinbar banalen Details sieht man, dass die Falckenbergschule, die 1946 gegründet wurde, nicht nur auf die Kunst, sondern auch aufs Leben schaut, nicht nur auf Schauspieler als funktionierende Bühnen-Einheiten, sondern auf den ganzen Menschen. Das macht ihre besondere Qualität aus, die von sehr viel Bescheidenheit oft verhüllt wird. In Wirklichkeit "beliefert" die Otto-Falckenberg-Schule nämlich die besten Theater des Landes, schafft Bühnen-, Kino- und Fensehlieblinge von Sunnyi Melles bis Mario Adorf, von Ruth Drexel bis Jens Harzer, von Gisela Schneeberger bis Axel Milberg. Viele von ihnen kommen heute zum Fest der alten und neuen Falckenbergler.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch
Reinhard Kleist legt zum 60. Geburtstag von Nick Cave eine eindrucksvolle Comic-Biografie des Künstlers vor.
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch

Kommentare