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Chris Dercon, Noch-Direktor des Münchner Hauses der Kunst, liebt nicht nur die Künste, sondern ist auch ein begeisterter Zeitungsleser.

Die Menschen wollen teilnehmen

München - Zum Abschied: Chris Dercon über das Haus der Kunst und die Tate Modern, die Zukunft der Museen und Multikulti

Chris Dercon, Jahrgang 1958, verlässt zum 1. April als Direktor das Münchner Haus der Kunst. Sein Nachfolger Okwui Enwezor kommt übrigens erst im Oktober. Der Belgier Dercon übernimmt in London die Tate Modern. Dercon, der seit 2003 das Haus der Kunst führte, konnte internationale Aufmerksamkeit erringen. Er bot ein vielfältiges Programm – inklusive Design und Architektur – und stellte sich fruchtbringend der NS-Vergangenheit des Baus (Archiv, Architektur-Diskussion).

Sie haben einmal gesagt: „Kunst kann nur gedeihen, wenn sie respektiert wird, so schwierig sie auch sein mag.“ Haben Sie das fürs Haus der Kunst erreicht?

Das glaube ich schon. Was interessant ist: Als ich 2003 hier angefangen habe mit „Partners“, der Ausstellung aus der Sammlung von Ydessa Hendeles, war das ein Riesenerfolg bei den Spezialisten, der Presse, aber leider nicht beim Publikum. Das bedeutet etwas, und zwar, dass wir nicht immer die ersten sein müssen, die etwas zeigen. Die Gesellschaft ist so komplex, dass man gut aufs Timing aufpassen muss: Wann bringt man was? Die Schau müsste ich heute präsentieren! Wir müssen jetzt genau darauf achten, wie wir eine Exposition in die Gesellschaft setzen, in den Medien platzieren! Enorm gewachsen sind im Haus der Kunst das Jugend- sowie das Kinderprogramm und die Führungen. Die Leute haben viel mehr als früher das Bedürfnis, Dinge kennenzulernen und darüber zu sprechen. Die dritte Komponente, das sieht man bei „Move“ (eine der aktuellen Ausstellungen, Anm. d. Red.), ist, dass sich das Sprechen zum Mitmachen wandelt. Der vierte Aspekt: Viele kommen auch gern zu den Presse- und Vermittler-Konferenzen. Man stellt an uns alle möglichen und unmöglichen Fragen.

Ist das in London genauso?

Das bemerke ich bei Tate Modern noch mehr, weil sie stärker bei Twitter und Facebook aktiv ist. Deswegen müssen wir auch anders arbeiten. Wir müssen beobachten, wie das funktioniert: Das Partizipationsmoment ist wichtig. Die Menschen erwarten, dass Kunst nicht nur an den Wänden hängt, die man ganz ganz leise anschaut, sondern dass das Museum wirkt wie eine offene Universität, wie eine Volkshochschule. Das ist neu! Das bedeutet für das Museum der Zukunft, dass eine andere Architektur her muss. Auch das Bild des Kurators wird sich wandeln. Es ist spannend zu sehen, dass es dabei keinen Unterschied gibt zwischen dem Haus der Kunst und der Tate Modern. Die Qualität des Angebots ist ähnlich, und die Fragen, die das Publikum stellt sind ebenfalls ähnlich. Die Frage ist nicht mehr: Was ist Kunst? Sondern: Wann ist Kunst?

Was hat Sie in Ihrer Münchner Zeit am meisten gefreut?

Jeden Tag alle deutschen Feuilletons zu lesen! Das erste, was ich in der Tate Modern gemacht habe, war, Zeitungen zu abonnieren. Die haben gesagt: Das kann man doch im Web lesen, aber ich habe erklärt: Bitte, bitte, ich möchte einen Teil des Pressebudgets dafür verwenden. Ich liebe Zeitungen. Ich war früher selbst Journalist. Man braucht die Langsamkeit der Printmedien, um zu verstehen was da passiert, ob bei Guttenberg oder Gaddafi. Die Analyse ist wunderbar. Ich brauche die Information, weil ich sie nicht in den britischen, belgischen oder niederländischen Zeitungen finde. Damit bin ich mein eigenes kleines Goethe-Institut. Ich habe mich in München aber auch gefreut an der Nähe zu Alexander Kluge. Er macht, was ich mag: Er missbraucht im positiven Sinn Kanäle wie das Fernsehen. Außerdem genoss ich die Architekturausstellungen von Nerdinger (Chef des Architekturmuseums; Pinakothek der Moderne). Die Designer-Szene hier ist großartig. München ist eine Design-Stadt. Wunderbar die Abende bei Charles Schumann oder im Filmmuseum. Und immer wieder: die Alte Pinakothek und die Kammerspiele.

Was ist die Hauptsache, die im Haus der Kunst für die Zukunft angepackt werden muss?

Das ist die Renovierung. Dabei geht es nicht um Ästhetik, sondern um strukturelle Lösungen. Dazu gehört zusätzlich – was alle Museen entwickeln müssen – die Überlegung: Was ist ein Kurator? Was ist ein Entwicklungsteam? Was bedeutet Pressearbeit? Was bedeuten Erziehungsmodelle? Wie sollen die Räume aussehen? Mal dunkel mit zahllosen Bildschirmen, mal Orte zum Mitmachen... Und ich freue mich, dass ein guter Freund, Okwui Enwezor, die Zukunft gestaltet – eine Ehre. Das wird auch toll sein für die Stadt.

Sie haben sich ab 2003 mit aller Kraft ins kulturelle Leben Münchens gestürzt. Ist das auch in London möglich?

Man muss auswählen aus der Palette. Aber London ist nicht neu für mich. Ich war einer der Mitbegründer des International Institute of Visual Arts. Dort haben wir ab Anfang der 90er dafür gesorgt, dass die Kunst von Minderheiten ihre Plattform bekam. Jetzt ist das weniger nötig, weil es alle machen.

Welche Ziele haben Sie für die Tate Modern?

Für London konzipiere ich in einer Art von Vergrößerung dasselbe wie hier. Wir haben ein wahnsinniges Spannungsfeld – aber das ist bei allen größeren Häuser so – zwischen Riesen-Ausstellungen und Nischenprodukten. Die ganz kleinen Sachen können nicht ohne die großen existieren und umgekehrt. Nur: Im Haus der Kunst weiß man nicht, was ankommt, in der Tate schon. Beim Londoner Programm 2012 freue ich mich sehr auf die Olympia-Aktion mit Tino Sehgal und auf die Munch-Ausstellung. Auf Alighiero Boetti – und auch auf das Spektakuläre: Damien Hirst.

Ihr Münchner Vertrag wäre noch bis 2013 gelaufen. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, dass Sie vorzeitig gegangen sind?

Nein! Wir hatten schon einige Gespräche, wie es nach 2013 weitergeht. Ich habe ein gutes Gewissen, weil wir das Haus inklusive Café in einem perfekten Zustand hinterlassen. Weil wir es auch in einem perfekten finanziellen Zustand übergeben. Weil wir nun mit der Sammlung Goetz zusammenarbeiten können. Wir hinterlassen wirklich etwas Phänomenales.

Mit der Tate Modern haben Sie eine eigene Sammlung im Rücken. Sind Sie erleichtert, jetzt von einer reinen Ausstellunghalle wegzukommen? Ja! Mit Sammlungen lernt man enorm viel. Es gibt keine Sammlung Tate Modern, sondern eine der Tate. Wir sammeln weiter, aber nicht, was alle kaufen. Wir richten uns seit einiger Zeit nach dem Mittleren Osten, nach Asien und Südamerika aus. Und jetzt wendet sich die Aufmerksamkeit Afrika zu. Die Entwicklung des Multikulturalismus in London ist wunderbar. Er bedeutet dort wirklich Einheit durch Vielfalt.

Wenn man also wie bei uns sagt, Multikulti hat versagt, ist das Unsinn?

Multikulti hat ausgespielt! Multikulti ist ein furchtbarer Begriff. Ich denke dabei an internationalen Cuisine-Mix oder an Tollwood – huu. Das ist eine Form von multikulturellem Materialismus und Exotismus, die wir nicht brauchen. Wir müssen eine andere Art von Multikulturellem prägen. Wir müssen diese Komplexität, wie sie jetzt in den afrikanisch-arabischen Staaten deutlich wird, lernen zu akzeptieren.

Wird es eine Zusammenarbeit zwischen dem Haus der Kunst und der Tate Modern geben?

Wissen wir noch nicht. Aber es gibt so viele ähnliche Interessen...

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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