Der Menschen-Sammler

- Zwei Ringer in ekstatischer Umklammerung. Die lang gestreckten, sehnigen Gliedmaßen erscheinen befremdlich, obwohl wackerer Realismus sie formte: Herausgerissen aus dem Boden, herausgerissen aus ihrer Funktion, den sportlich gestählten Menschen zu feiern, umgekippt und eingesperrt in eine Halle geben diese lächerlichen Helden einen bösen Kommentar ab zu denen, die vor ihnen liegen - drei in Särgen, drei auf dem nackten Boden: "Budapest, November 1956".

<P>Diese Fotografie brennt mit einer zufälligen Kombination von Leibern für die Ewigkeit ein Bild ein, ein Bild von Gewalt, Propaganda und deren Opfern. Die Aufnahme gehört zu dem Kapitel "Unterwegs", mit dem das Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum die umfangreiche Ausstellung "Stefan Moses - Retrospektive" einleitet.</P><P>Der seit 1950 in München lebende Fotograf hatte 1995 sein Archiv mit Dias, Originalabzügen und Negativen dem Museum verkauft, das das uvre wissenschaftlich betreut. Jetzt wurde es höchste Zeit, sich vor einem der wichtigsten Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Schau zu verneigen. Moses ist vor allem durch seine Porträts berühmt geworden. Aber gerade solche Beispiele wie das oben erwähnte zeigen, dass dieser Sammler von Menschenbildnissen ohne historisches Bewusstsein und Gefühl all die Persönlichkeiten niemals so tiefsinnig hätte erfassen können. Das genaue Schauen auf Geschichte, auch auf eine Geschichte, die man als Fotograf gerade im Geschehen dokumentiert, ermöglichte erst das kluge Schauen auf Menschen. Und irgendwann fühlt der Betrachter der Aufnahmen, dass er nicht nur West-Straßenkehrer und Herbert Wehner anblickt, nicht nur den Ost-Besamungstechniker und Marianne Hoppe, nicht nur Otto Dix und Israels Kinder, sondern auch seine Zeitgenossen und seine eigene gesellschaftspolitische Lage.</P><P>Stefan Moses, 1928 in Schlesien (Liegnitz) geboren, wegen jüdischer Vorfahren gefährdet, begann in Weimar als Theaterfotograf und als Szenenfotograf in Potsdam-Babelsberg. Im Westen dann hatte er die Chance, für Zeitungen und Zeitschriften als Bildjournalist seine visuellen Geschichten zu entwickeln. Ab den 60er-Jahren entstanden ausgedehnte Projekte wie "Die großen Alten", "Deutsche" oder "Künstler machen Masken". All diesen Konzepten sind in der Münchner Schau, die anschließend durch acht deutsche Stationen und danach weltweit durch die Goethe-Institute tourt, Kapitel gewidmet.</P><P>Sie werden jeweils durch ein Foto-Quartett eingeleitet, das die Situation des Fotografiertwerdens darstellt. "Deutsche - West" (vor allem 1963) und "Deutsche - Ost" (1990) beweisen nicht Spaltung und Trennung, vielmehr eine tiefe Verbundenheit. Vor einem großen grauen Tuch postiert, sind sie in erster Linie Menschen; Menschen, die arbeiten, um sich durchs Leben zu bringen. Und manchmal weht einen trotz der Einbettung in die Zeit Zeitlosigkeit an: Die Rollmopspackerinnen, kess und jung oder schon von der Plagerei gezeichnet, zeigen die Lebensalter im Grunde genauso, wie es Wilhelm Leibl mit seinen Bäuerinnen einst tat.</P><P>Dieses Über-sich-hinausweisen ist ebenso in den Porträts der Berühmtheiten zu finden - obwohl sie nicht so leicht wie anonyme Personen als allgemeine Beispiele zu nutzen sind. Die alten Künstler, Philosophen und Politiker im Wald oder vor den Spiegeln sind zwar Gret Palucca oder Theodor Eschenburg, sind jedoch in dem verfremdenden Ambiente mehr als das. In der Natur sind die Größen nur Teil von Baum und Busch oder Fremdkörper; und im Spiegel bricht sich die Größe eher, als dass sie sich verstärkt. Je schlichter oder humorvoller sich die Person verhält, umso besser kommt sie weg. Nur wer sich geziert stilisiert - wie Ernst Jünger -, wird vom Spieglein, Spieglein entlarvt.</P><P>Die Larve, das Sich-verstecken, um mehr oder anderes über sich zu sagen, wird zum Prinzip in "Künstler machen Masken". Hierbei entwickelte sich der intensivste und kreativste Dialog zwischen Stefan Moses und seinem Subjekt-Objekt. Geniale Verpuppungen entstanden: der Maler, der zum Hundemensch, oder der Komponist, der zur eigenen Steinbüste wird.</P><P>Bis 23. Februar 2003, Tel. 089/ 233-223 70; broschierte Katalog-Monografie beim Schirmer/Mosel Verlag, München: 25 Euro.<BR>.<BR><BR></P>

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