Berlinale

Menschheit vom Aussterben bedroht

Einen eindeutigen Favoriten für den Goldenen Bären? Den gibt es
noch nicht. Das Wettbewerbs-Programm der Berliner Filmfestspiele riss die Zuschauer bislang kaum von den Stühlen. Eine Zwischenbilanz.

Viel Politik, noch mehr Moral und eher wenig Kunst - so lautet die Zwischenbilanz nach etwa der Hälfte der Wettbewerbsfilme der diesjährigen Berliner Filmfestspiele. In einem Wettbewerb, der zwar bislang besser war als die Durchgänge der vergangenen beiden Jahre, gab es kaum Höhepunkte. Erstaunlich gleichförmig erschienen die meisten der Filme, ohne Widersprüche und Überraschungen. Das deutsche Kino zeigte sich allerdings auch nach dem gefeierten Auftakt mit Tom Tykwers "The International" von seiner guten Seite.

Interessantes läuft in den Nebenreihen

Besonders die Berliner Regisseurin Maren Ade überzeugte. In ihrem zweiten Spielfilm "Alle Anderen" erzählt sie von einem jungen Paar im Urlaub in Sardinien. Man liegt in der Sonne, wandert in den Bergen. Als die beiden, eindringlich gespielt von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger, einem anderen befreundeten Paar begegnen, wächst die Spannung, und die erprobten Beziehungsrituale geraten ins Wanken.

Fotostrecke: Stars und Sternchen bei der Berlinale

Stars bei der Berlinale 2009

"Alle Anderen" ist wunderschön fotografiert, glänzend gespielt und inszeniert und nicht zuletzt ein präzise beobachtetes Porträt des heutigen Mittelstands: eine Schilderung des Lebensgefühls von Mittdreißigern. Von Rat- und Orientierungslosigkeit scheinen sie geprägt, vom Wunsch, alles richtig zu machen - ohne wirklich zu wissen, was das wäre.

Hier trifft sich der Film mit "Sturm", dem zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag. Dieser stammt von Hans-Christian Schmid. Er erzählt aus der Sicht von Hannah, Anklägerin am Haager Kriegsverbrechertribunal der UNO, und ihrem Versuch, einen serbischen Kriegsverbrecher hinter Gitter zu bringen. Zeugen werden bedroht, politische Interessen behindern die Strafverfolgung. Am Schluss scheitert der Versuch. Die Britin Kerry Fox spielt diese Heldin beeindruckend, und Anamaria Marinca gefällt als einzige Zeugin, die zum Spielmaterial politischer Ränke wird. Auch sonst ist "Sturm" ein Film, der völlig ohne Fehler ist, aber dabei gleichzeitig auch ein bisschen beflissen und streberhaft wirkt - so wie die Arbeit eines Klassenprimus. Zu deutlich unterscheidet "Sturm" Schwarz und Weiß, Gut und Böse, um auf interessante Weise auch einmal zu irritieren. Und wenn Schmid Politik und Moral gegeneinander ausspielt, macht er es sich zu einfach, zumal er sich keineswegs unerwartet auf die Seite der Moral schlägt. Trotzdem ist der handwerklich gut gearbeitete Streifen einer der besten im bisherigen Wettbewerb und ein Preiskandidat.

Zur Linie des Berliner Programms, das politische Gutmenschenfilme über herausfordernde Kunst stellt, passen sowohl "London River" vom Algerien-Franzosen Rachid Bouchareb, als auch Lukas Moodyssons "Mammoth". Bouchareb lässt in Gestalt einer Engländerin und eines französischen schwarzen Muslims, die sich auf der Suche nach ihren Kindern kennenlernen, die Kulturen aufeinanderprallen.

Der Schwede Moodysson hingegen hat ein Antizivilisationspamphlet gedreht. Die titelgebenden Mammuts der Gegenwart sind die Menschen - vom Aussterben bedroht, besonders, wenn sie zu volle Kühlschränke haben und zu wenig Zeit für ihre Kinder. Trotz seiner glatten Machart hat Moodyssons Film immerhin eine herausfordernde Botschaft. Seine Kraft zeigt sich an der Intensität, mit der man sich gegen den Film wehrt.

All das kann man von "Cheri" nicht sagen, Stephen Frears’ gefälligem Alterswerk, in dem eine prächtig aussehende, herrlich spielende Michelle Pfeiffer eine Edelprostituierte verkörpert. Außer der Hauptdarstellerin fesselt an dem Film aber wenig. Einmal mehr sind die interessanteren Werke der Berlinale eher in den Nebensektionen zu sehen. Im Forum erzählt Reha Erdems "My Only Sunshine" von einem 14-jährigen Mädchen, das mit vielfältigen Alltagsproblemen zu kämpfen hat - Kino mit der Kraft des jungen Godard.

Eröffnet wurde das Forum mit Sono Sions japanischem Liebesdrama "Love Exposure", das Bibel und Beethoven, Pop und Politik zu einer großen Kino-Oper mischt: "Pulp Fiction" aus Japan. Im Panorama spielt die französische Schauspielerin Julie Delpy in ihrer zweiten Regiearbeit "The Countess" selbst die Titelrolle der gefürchteten ungarischen Gräfin Báthory, die im 17. Jahrhundert Dutzende von Frauen ermordete. So blutig wie vergnüglich.

Rüdiger Suchsland

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