Der menschliche Irrtum

- "Er hatte dreimal geheiratet, hatte Geliebte und Kinder gehabt und war in einem interessanten Beruf sehr erfolgreich gewesen, aber jetzt schien die Flucht vor dem Tod zur zentralen Aufgabe seines Lebens und körperlicher Verfall sein ganzer Lebensinhalt geworden zu sein."

Das also ist übrig geblieben von den begabten, kreativen, sportlichen, sexstrotzenden Mannsbildern des Philip Roth. Der amerikanische Schriftsteller, seit seinem grandiosen "Der menschliche Makel" jedes Jahr als möglicher Nobelpreisträger im Gespräch, hat dem unfreundlichen, sich plötzlich in einem gesunden Menschen breitmachenden Gevatter Tod literarisch Tribut gezollt.

"Das Alter ist ein Massaker."

Philip Roth

 In seinem soeben erschienenen Roman "Jedermann" beschreibt er das langsame Versagen des männlichen Körpers: die letzten Jahre eines Mannes, der mit 73 stirbt. Die Geschichte beginnt mit der Beerdigung auf dem alten, verrotteten, jüdischen Friedhof, der auch die Gräber der Eltern birgt.

Im aktiven Leben war dieser Jedermann ein erfolgreicher Grafikdesigner, der schnell mal zwischendurch die Sekretärin auf den Teppich legte und im Taxi den jungen Frauen zwischen die Beine griff. Nun im Ruhestand, hangelt er sich aufgrund unzuverlässiger Herztätigkeit und verstopfter Halsschlagadern nur noch von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Operation zu Operation. Die Trostlosigkeit des Alterns - "Das Alter ist ein Massaker" - führt ihn naturgemäß zur Rückschau auf sein Leben.

Die erste Ehe mit zwei Söhnen: gescheitert. Er hat die Familie verlassen, wofür seine erwachsenen Jungen ihn noch immer verachten. Die zweite Ehe: ein großes Glück, das er aber seiner ständigen Gier nach jungem Fleisch gedankenlos opfert. Tochter Nancy, die ihren Vater abgöttisch liebt, bietet am Ende nicht ihm, sondern der hinfälligen Mutter Quartier. Die dritte Ehe mit einem dänischen Model: der lächerliche Irrtum eines alten, sexbesessenen Gockels.

Die Erkenntnis ist schmerzlich: Das Leben ist unwiederbringlich verpfuscht; denn für seine gelebte Unabhängigkeit, für seine Rücksichtslosigkeit gegenüber jenen Menschen, die ihm am nächsten stehen, hat er jetzt den hohen Preis der Einsamkeit zu zahlen. Eingehüllt in den Kokon der Alterskrankheiten, dringt er auch nicht zu den ehemaligen Freunden und Kollegen durch. Sie befinden sich ja in der gleichen Lage des allmählichen Absterbens.

Nichts ist unserem Held geblieben. Nur die materielle Sicherheit, die es ihm erlaubt, seinen Wohnsitz in ein luxuriöses Seniorendorf an der Küste zu verlegen. Welch bittere Erfahrung für den Frauenjäger, dass ihn die joggenden Mädchen am Strand nur noch im Kopf ansprechen. Also frönt er der ihm noch verbleibenden, körperlosen Leidenschaft, der Malerei, gibt den greisen Nachbarn Malkurse und muss erkennen: Das Interesse an seinem Tun war ihm vergangen. "Dass er gemalt hatte, kam ihm jetzt wie ein Exorzismus vor.

Aber welches Übel hatte er damit austreiben wollen? Die älteste seiner Selbsttäuschung?" Selbsttäuschung, also dass man nicht geboren wird, um zu leben, sondern um zu sterben, dass all das irdische Treiben nur ein Zusteuern auf das Nichts ist, dass der Staub der Knochen das Ziel des Daseins darstellt: für den Schriftsteller Philip Roth - wie vermutlich für die meisten Menschen - ein existenzielles Thema. Unschwer darf sein Jedermann als Alter Ego des Autors identifiziert werden. Und manch betagter Leser wird sich in den hier artikulierten Ängsten sowie in den minuziösen Beschreibungen von Krankheit, Operation und Rekonvaleszenz wiederfinden.

Allein, das Thema langweilt. Denn dieser Roman reduziert sich selbst darauf, ein Männerroman zu sein. Schonungslos zwar in der Analyse, aber auch genauso selbstgefällig, weinerlich und eitel. Es darf ruhig einmal gesagt werden: Die selbstverliebte, bejammernswerte, sich nur um das eigene Ego und die auftretenden Potenzprobleme drehende Altmännerprosa - so unterschiedlich sie auch von Martin Walser über Adolf Muschg bis zu Philip Roth sein mag - geht einem gehörig auf den Wecker. Denn sie führt den Leser, noch weniger die Leserin, nicht über sich selbst hinaus.

"Befreit vom Sein."

Philip Roth

Das heißt nicht, dass Roths "Jedermann" nicht mit der Könnerschaft des versierten Schriftstellers geschrieben wäre. So wie er den Roman mit dem Begräbnis seines Helden  beginnt,  wie er von hier aus den Weg Jedermanns noch einmal zurückgeht und damit den Bogen schlägt von der Kindheit über die frühe Erfahrung mit dem Tod und der Liebe bis zur Abkehr vom Glauben und der späten Frage nach Buße - so lässt Roth seinen Roman auch wieder mit Friedhof und Tod enden.

Und endlich erreicht das Buch die literarische Größe, die von diesem Autor erwartet werden darf: Auf der Fahrt nach New York macht Jedermann Halt an jener letzten Ruhestätte der Menschen und begegnet hier dem Totengräber. Das ist als bewusstes "Hamlet"-Zitat eine großartige Szene von Shakespeare'schem Ausmaß. Ein Finale, das dann doch noch versöhnt.

Philip Roth: "Jedermann". Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München, 176 Seiten; 17,90 Euro.

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