Der menschliche Makel

- Ja, wär' sie doch bei Alviano geblieben. Der unglückliche Transvestit hätte sie auf Händen getragen, ihr Herz nicht strapaziert, und irgendwann wären beide in keuscher Seelen-Krüppel-Verwandtschaft gestorben. Aber nein, Carlotta folgt dem Ruf des wilden Tamare, wird im Liebesrausch dahingerafft von der Herzinsuffizienz und der arme Alviano verfällt dem Wahnsinn. Als ob das nicht genug wäre, toppt Regisseur Nikolaus Lehnhoff diesen Fin-de-siècle-Schwulst zum Schluss noch mit blutigen Tränen und lässt ein zartes, blondes Knäblein die Tote besteigen.

Die glitzernde Kühle der Musik

Geschmacklos endete in der Salzburger Felsenreitschule, was so schlecht nicht begann: Franz Schrekers 1918 uraufgeführte Oper "Die Gezeichneten". Mit der Festspielpremiere am Dienstagabend wurde wieder einmal der Versuch unternommen, dieses bis 1930 an allen namhaften deutschen Bühnen gespielte, dann von den Nationalsozialisten als "entartet" gebrandmarkte Werk zu rehabilitieren. Was bei dem vom Komponisten selbst gefertigten, an Expressionismus, Symbolismus und Dekadenz, an Freud und Weininger orientierten, mit einer Prise Nietzsche versetzten Libretto nicht leicht ist.

Entschieden einfacher hatte es da Kent Nagano, Münchens musikalischer Opernchef ab 2006. Denn Schrekers Musik spricht eine andere Sprache. Sie begegnet dem schwülen Sujet mit einer glitzernden Kühle. Ein Riesenorchester mit breit gefächerter Bläser- und Schlagwerkbesetzung - hier das Deutsche Symphonieorchester Berlin - kommentiert das Bühnengeschehen fast konterkarierend.

Obwohl Schreker einen anderen Weg wählte als den in die strenge Dodekaphonie Schönbergs oder Bergs, fasziniert er mit irisierenden Klangmischungen. Genau das Richtige für Nagano und sein Orchester, das bereits die CD-Einspielung unter Zagrosek lieferte. Nagano nähert sich dieser Partitur mit Hypersensibilität, beweist, dass das große Aufgebot nur punktuell zu mächtigen Tutti-Aufschwüngen genutzt werden soll und dass Schreker vielmehr als virtuoser Instrumentierer einer oszillierenden Vielfalt und Sinnlichkeit des Klangs nachspürt.

Diese schöpfte Nagano bis in feinste Pianissimi aus. Er zauberte Klangamalgame von höchstem Raffinement, ließ die Musik schillern und flirren und wahrte dabei dezente Distanz und stets klare Übersicht. Doch beim reinen Hör-Erlebnis blieb es nicht.

Regisseur Nikolaus Lehnhoff, Bühnenbildner Raimund Bauer und Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer näherten sich Schrekers Renaissance-Ausschweifungen mit optischer Stilisierung. Ein zerborstener weiblicher Stein-Torso wird zur Körperlandschaft, auf der die Sänger herumklettern müssen, in deren Hand sie sich schmiegen, auf deren Kopf sie triumphieren oder nur langweilig herumstehen. Gekleidet in steife, von der Renaissance inspirierte, schwarze Roben ähneln manche zuweilen Insekten, die sich in großer Langsamkeit bewegen.

Transvestit im rosa Abendkleid

Bei Lehnhoff ist der krüpplige, hässliche Alviano ein Transvestit im rosa Abendkleid. In der großen Liebesszene im zweiten Akt, demaskiert Carlotta ihn peu à` peu, bis er vor ihr steht als mickriges Männchen. Erbarmungswürdig. Während er als Schöpfer eines Elysiums seinen menschlichen Makel kompensiert, stilisiert sich die herzkranke Malerin mit der Reitgerte zur Domina, die Alviano liebt als Objekt ihrer Kunst. Robert Brubaker entspricht Lehnhoffs Alviano-Charakterisierung perfekt, ist ein Gezeichneter ohne tenoralen Hochglanz, aber mit solidem, stimmlichem Durchhaltevermögen.

Liebeseiland mit viel geheuchelter Nacktheit

Anne Schwanewilms rückt ihre auch in der Triebsublimierung herrisch-überlegen gezeichnete Carlotta mit hell-flirrendem Sopran gekonnt Richtung Operette. Und Michael Volle darf als gieriger Tamare ganz Tier sein. Mit sinnlich vibrierendem Bariton wirft er sich in die Rolle des starken Über-Mannes, der die Schöne erlegt.

Wolfgang Schöne als Podesta Nardi und Robert Hale als Adorno grundieren dieses Trio auf hohem Bass-Niveau, und auch die übrigen genuesischen Edelleute und Senatoren fügen sich bestens ins vom Wiener Staatsopernchor komplettierte Ensemble.

Hatte Lehnhoff sich zwei Akte lang in diskreter, aber auch öder Zurückhaltung geübt, so gönnte er sich zum Finale auf dem Liebeseiland Elysium dann doch den "Kick". Natürlich in Schwarz mit Spuren von Reinweiß (bei Alviano und Carlotta) und viel geheuchelter Nacktheit: In hautfarbenen Trikots und schwarzen Tangas dürfen sich feder-bekrönte Paare fast rituell verlustieren.

Doch Venusberge und Liebesgrotten sind heikle Orte, die nur kühne, freche Fantasien aus dem Verquasten und Verschwiemelten retten können. Hier fehlten sie. Das Salzburger Festspielpublikum klatschte freundlich, begeistert nur bei Nagano und den Protagonisten. Zu wenig für eine echte Repertoire-Rettung.

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