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Flug durch die Lüfte: Gösta Ekman als Faust (r.) und Emil Jannings als Mephisto in Murnaus Volkssage-„Faust“.

Mephistos bedrohliche Gitarren

Salzburg - Unter den Veranstaltungen rund um „Faust“ ragte Tobias Schwenckes Musik zu Murnaus Stummfilm heraus.

Abseits vom großen Festspieltrubel war in Salzburg Außergewöhnliches zu erleben: Nicolas Stemanns Mammut-Inszenierung von Goethes „Faust“ ist gebettet in das Begleitprogramm „Auf eigene Faust“, dessen Veranstaltungen sich literarisch, musikalisch, filmisch oder szenisch dem Komplex nähern. Zum Auftakt war die Uraufführung von Tobias Schwenckes Musik zu Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Faust – Eine deutsche Volkssage“ (1926) zu erleben. Und dieser Abend war wahrlich ein Erlebnis.

Es ist ja schon besonders, Murnaus Film – sein letzter in Deutschland vor dem Wechsel nach Hollywood gedrehter – auf der Leinwand sehen zu können. Im Auftrag der „Freunde der Salzburger Festspiele“ hat Schwencke, Jahrgang 1974, dazu eine Musik geschrieben, die fesselt und tief berührt. Eine Musik, die stets dem Film dient, diesen um eine weitere, emotionale Bedeutungsebene ergänzt. Das Ensemble Resonanz unter Christoph Altstaedt interpretierte Schwenckes Arbeit zupackend und wurde am Ende zu Recht bejubelt.

Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) nutzte für seinen „Faust“-Film Motive aus dem Volksbuch „Historia von Doktor Johann Fausten“ (1587), die er um Aspekte aus den Dramatisierungen des Stoffs durch Christopher Marlowe und Johann Wolfgang Goethe ergänzte. Als der Film im Herbst 1926 uraufgeführt wurde, war er seiner Zeit weit voraus: Murnau, der damals auf dem Zenit seiner Karriere stand und längst einen Vertrag in Hollywood unterzeichnet hatte, arbeitete mit Doppelbelichtungen, Überblendungen, führte die Blicke des Publikums durch die Beleuchtung. Er befreite die Kamera von ihrer Statik und montierte die Szenen für damalige Verhältnisse unglaublich modern und rasant. Wer etwa jene Sequenzen sieht, mit denen Murnau die Verzweiflung und Not einfängt, die in Fausts Heimat herrschen, als die Pest ausbricht, wird kaum einen Unterschied zur Bildsprache heutiger Katastrophenfilme entdecken. Mit Emil Jannings als Mephisto mit dämonischem Augenrollen und feistem Humor, Gösta Ekman als wankelmütigem Faust und Camilla Horn, für die ihre Rolle als Gretchen der Fahrschein nach Hollywood werden sollte, arbeitete Murnau zudem mit herrlichen Schauspielern. Die Originalmusik des Films stammte von Werner Richard Heymann (1896-1961), der später etwa „Ein Freund, ein guter Freund“ für die Produktion „Die drei von der Tankstelle“ (1930) schreiben sollte.

Charakteristisch an Tobias Schwenckes Komposition ist, dass er die Streicher des Kammerensembles um E-Gitarre, Hammondorgel und (Jazz-)Trompete ergänzt. Diesen drei obliegt vor allem die Gestaltung der jeweiligen musikalischen Motive. Dabei geht Schwencke nie den erwartbaren Weg, lässt also etwa bei Mephisto nicht einfach die E-Gitarre verzerrt kreischen, sondern schrieb dem Teufel einen bedrohlichen Gitarrenlauf. Zudem kompilierte er geschickt Zitate aus Kirchen-, Weihnachtsliedern und „Faust“-Musiken von Schumann, Wagner, Liszt und Mahler. All das mag zunächst recht ungewöhnlich erscheinen. Allein wer’s erlebt hat, mag sich keine andere Musik zu diesem Film mehr vorstellen.

Michael Schleicher

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