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Die Künstlerin Meral Alma.

Die außergewöhnliche Kunst von Meral Alma

Tanz des Lebens

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Zu Besuch im Atelier der Künstlerin Meral Alma, deren neues Werk in Bayern gezeigt werden soll.

Wenn man des Nachts zufällig am Düsseldorfer Atelier von Meral Alma vorbeiläuft, besteht eine 99-prozentige, ach was: 100-prozentige Chance, dass dort noch Licht brennt. Schwarzlicht. Klopft man neugierig an die Tür, öffnet vermutlich Almas Freund. Weil sie – wie eigentlich immer – arbeitet. Mitten zwischen Farbeimern und Spraydosen und deckenhohen Leinwänden und Wäscheständern, an denen von Blautönen überzogene Blumen trocknen. Dazwischen die Künstlerin, wie ein leuchtendes Glühwürmchen. Alma gibt es selten ohne phosphoreszierende Farbe an der Kleidung. Sie ist Ganzkörperarbeiterin. Das acht mal drei Meter große Werk oben auf der Empore des Ateliers erzählt vielleicht am eindrücklichsten davon.

Wie vor einem Guckkasten fühlt sich, wer vor dem acht mal drei Meter großen Werk in Meral Almas Atelier steht. Je nach Lichtverhältnissen treten andere Bildebenen hervor.

Meral Alma hat die Leinwand direkt auf die gesamte mittlere Wand aufgebracht – für die Betrachterin entsteht dadurch der Eindruck, man sei mittendrin. Eine Raumillusion, wie man sie schon im 18. Jahrhundert mit Guckkästen herstellte. 300 Jahre später setzt Alma noch einen drauf. Ein Klick – und die Ballerinas in der Bildmitte beginnen zu tanzen. So scheint’s. Im normalen Licht betrachtet, sieht man schlicht ihre Silhouetten auf dem farbkräftigen, expressiven Werk. Doch ändert sich das Farbspektrum in den Leuchtstoffröhren darüber, kommt eine zweite Ebene zum Vorschein. Einzelne Bereiche treten in den Vordergrund, andere verschwinden, verschmolzen mit der jetzt schwarzen Bildfläche. Eine Lichtwellen-Änderung später sind Bild, Raum und Besucherin fast schwarz-weiß, nur unter Einsatz einer Taschenlampe scheint noch Farbigkeit zu existieren.

Unter anderem Licht erscheint ein neues Bild

Fasziniert steht man davor. Und fragt sich: Wie hat sie das gemacht? Denn Skizzen fertigt die Künstlerin vorher nicht an. Alles entsteht aus einem inneren Plan heraus. Dabei muss sie immer wissen, was eine Änderung auf der ersten Ebene für Auswirkungen auf die darunterliegende hat. „Grundsätzlich sehe ich es vor meinem inneren Auge. Erst gegen Ende arbeite ich mit verschiedenen Lichtquellen, um die Wirkung Ebene für Ebene zu perfektionieren“, erzählt Alma.

In der Kunstwelt ist die Absolventin, mehrfache Preisträgerin und Meisterschülerin der Düsseldorfer Kunstakademie, die an der dortigen Heinrich-Heine-Uni Germanistik und Soziologie studierte und nun promoviert, längst kein Geheimtipp mehr. Ihre Arbeiten finden sich in Sammlungen im In- und Ausland. Auch der beschriebene vierte Akt aus ihrem Werk-Zyklus „Zirkus des Lebens“ ist bereits verkauft. An einen Sammler, der vielen Gelegenheit geben möchte, es zu erleben. Zusammen mit unserer Zeitung sucht er einen besonderen Ort, an dem das Bild für längere Zeit gezeigt werden kann (siehe unten).

„Bilder sind - gefühlt - niemals fertig“

Was auf den ersten Blick so unübersichtlich wie das Leben selbst scheint, ist perfekt konzipiert, Stunde um Stunde. „Ich bin der Auffassung, dass so etwas wie Zeit in Bezug auf den Entstehungsprozess von Bildern nicht existiert. Bilder verhalten sich wie Diven, launenhaft, und werden – gefühlt – niemals fertig“, sagt sie und schaut mit liebevollem Blick durch den Raum, wie eine Mutter auf ihre Pappenheimer. „Manchmal schikanieren sie einen bis zu dem Gedanken ,Jetzt ist die Arbeit nahezu fertig‘. Erschöpft, aber vom Glück beseelt verlasse ich dann in den Morgenstunden das Atelier, nur um am kommenden Tag festzustellen, dass das Bild leider alles andere als fertig ist“, erzählt sie lachend.

Den ungeheuren Drang nach Farben trug sie immer in sich. Da konnte es vorkommen, dass die kleine Meral als Grundschülerin auf die Idee kam, die Küche daheim leuchtend blau anzustreichen – allerdings ohne vorher Möbel, Fliesen und Geräte abzudecken. „Das stieß nicht auf uneingeschränkte Gegenliebe – und das, obwohl ich die Farbe von meinem gesparten Taschengeld gekauft hatte!“

Das Atelier wird zum Labor

Gerade mit der Farbe Blau passt ihre Kunst noch besser als an den Rhein an die Loisach. In bester Gesellschaft mit Franz Marc. „Schon er begriff Farben als Kräfte, die unmittelbar bestimmte Gefühlsbereiche berühren. Wenn mir die Wirkung herkömmlicher Farben nicht mehr ausreicht, experimentiere ich mit Pigmenten, Pülverchen und Flüssigkeiten – bis ich die Farbpalette wieder um ein weiteres Element erweitert habe.“

Während sie das erzählt, führt sie ihren Gast in den unteren Bereich des Ateliers, ihr „Labor“. Und aus irgendeinem Impuls heraus – vielleicht, weil man gerade zufällig blaue Schuhe und blaue Strümpfe trägt – hält sie einen plötzlich am Arm und ruft: „Eigentlich brauchst du jetzt eine Farbtaufe!“ Und obwohl das die Lieblings-blauen-Schuhe sind und obwohl man auch ein bisschen Angst hat um das neue Oberteil und obwohl man sich gar nicht so richtig vorstellen kann, was unter einer Farbtaufe genau zu verstehen ist, hört man sich sagen: „Okay!“ Da ist Meral Alma schon nach oben gewirbelt, ein paar Minuten später steht sie wieder vor einem, mit zwei weißen Micky-Maus-Pullovern. „Damit du dir nicht dein neues Top versaust.“ Und dann lehnt man da, an der (noch) weißen Wand, in Micky-Pulli, Strumpfhose und blauen Lieblingsschuhen. Die Taufe beginnt.

Farbtaufe bestanden: Redakteurin Katja Kraft.

Von oben bis unten feuert Alma die Farben auf ihren Gast ab. Geht immer wieder zwei Schritte zurück, schaut sich das Werk an. Und mit einem Mal spürt man, wie das ist, Leinwand zu sein. Erhebend. Leuchtend, von außen und von innen. Und wenn sie dann sagt „Fertig“ und die Schwarzlichtlampe holt, dann fühlt man sich wie die Balletttänzerin. Bereit für die nächste Pirouette in diesem kunterbunten Zirkus, der sich Leben nennt.

KUNSTAKTION: Ein besonderer Ort für ein besonderes Bild!

Der Sammler würde das Werk als Leihgabe für einen Zeitraum ab sechs Monaten zur Verfügung stellen, damit es viele Menschen erleben können. Wer einen geeigneten, der Öffentlichkeit zugänglichen Ort kennt und dort eine passende Fläche zur Verfügung stellen kann, der meldet sich per E-Mail an katja.kraft@merkur.de. Wir stellen den Kontakt her.

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