Merci, Mireille

München - "Tu m` apportais des fleurs" singt Mireille Mathieu, nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland auf Tournee. Aber was braucht sie werbende Lover, wenn sie Zuschauer hat, wie in der nicht ganz ausverkauften Münchner Philharmonie? Sie alle glühend liebende Verehrer dieser zierlichen Französin und ihrer mit 62 noch wunderbar kraftvoll schmetternden Stimme.

Perfekter Wohlfühl-Abend und ein Blumenmeer: Die Mathieu in der Münchner Philharmonie

Blumen, Blumen, Blumen. Nach jedem Lied (!) reichen Hände an der Rampe bescheidene, riesige, prachtvolle Gebinde hoch, rauscht stadionstark der Applaus auf. Und die Mathieu mit ihrem frisch erhaltenen, jugendlichen Herz-Charme, mit weit geöffneten Armen Parkett und Ränge umarmend, immer wieder: "Danke, Danke, vielen Dank."

Deutsch ­ dazu Englisch, Spanisch, Italienisch, Russisch und, und ­ hat sie, diszipliniert wie in allem, früh gelernt. Eine kleine Glanzleistung ihr "Medley Etranger". Aber auch ohne diese sprachliche Geste ist die Mathieu ganz nah bei, nein, "mit" ihrem Publikum. Bei dieser Frau, die sich als 19-Jährige (das älteste von 14 Kindern einer hart sich durchs Leben bringenden Steinmetzfamilie aus Avignon) zu Weltruhm hochgesungen hat, ist nichts künstlich hergestellt. Sie hat sich auch nicht, was ja versucht wurde, "auf Piaf", die berühmte Vorgängerin, trimmen lassen. Die Mathieu ist, wie sie ist.

Auch deswegen wird sie geliebt, genau so, mit ihrem untadelig akkuraten Ponyschnitt, in ihrem schwarzen, mal kurzen, mal langen, aber immer gleich schlecht designten Kleid. In etwas anderem würde sie wahrscheinlich falsch aussehen.

"Meine Welt ist die Musik", Mathieus Auftakt für einen dann diszipliniert durchgesungenen Reigen von 25 Liedern. Und wie immer wertend oder wertfrei man das sehen will, genau das ist es: die Musik. Wenn die Piaf die Texte der Chansons erzählte, und darunter auch noch ihre persönlichen Geschichten mitvibrieren ließ, Piafs Leben war ja euphorisch-schmerzlich voll davon, ist die Mathieu ganz auf Diktion, auf Klang konzentriert, auf ihren Atem, der das letzte Wort eines Chansons in unendliche Räume zu tragen scheint. Und je länger der Abend, umso sicherer hat sie ihre selten, aber doch auch mal unscharfe Technik im Griff.

Darum passen ihr auch Chansons, wo von Körper, Haut, von sinnlicher Liebe die Rede ist, viel weniger als das freundlich strahlende "Es geht mir gut, merci chéri". Dieses "Trotz-allem-positive-Lebensgefühl" durchschwingt jedes, auch das traurigste ihrer Lieder. Und auch deswegen wird sie umjubelt, vorrangig von einem Publikum, das ihren Aufstieg in den 60er-Jahren und ihre Karriere mitverfolgt hat. Aber die Generation Hotel Tokio fehlt so gut wie ganz.

Mireille Mathieu ist so etwas wie Symbol und Verkörperung eines nach Welt-, Vietnam- und Algerienkrieg sich langsam wirtschaftlich erholenden Frankreich, für die Deutschen sicher auch der freundschaftlich gesonnenen beruhigenden De-Gaulle-Adenauer-Ära.

Beruhigend ist auch, was und wie die Mathieu singt. Keine Brüche, nur schöner Klang. Aber in Zeiten neuer existenzieller Bedrohungen vermitteln Mathieus Stärke und Durchsetzungsvermögen, ihre Jugendlichkeit irgendwie Hoffnung, Zuversicht. Und so lässt man sich mit all den anderen Zuschauern fallen in diesen perfekt ausgeleuchteten Wohlfühl-Abend mit einem perfekt auf die Mathieu eingestellten, zum Mitwippen und Mitklatschen einladenden Orchester. Merci, Mireille!

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