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Ein Leben für die Musik: Udo Jürgens (1934–2014) komponierte Lieder, die längst zum kulturellen Erbe Deutschlands gehören.

Trauer um den Chansonnier und Komponisten

Merci, Udo Jürgens

München - Man muss vermuten, dass er es sich genau so gewünscht hat: plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen, körperlich und geistig auf der Höhe. Der große Udo Jürgens starb am Sonntag im Alter von 80 Jahren  

Udo Jürgens war gerade im Kurzurlaub, im Februar sollte es weitergehen mit der Tour, die bewusst „Mitten im Leben“ betitelt war. Das war er tatsächlich. Sein neues Album lief ausgezeichnet, die Auftritte waren ausverkauft, er war gern gesehener Gast im Fernsehen und durfte mit Genugtuung feststellen, dass das Feuilleton ihn endlich nicht mehr als Schlagerfuzzi abtat. Zu seinem 80. Geburtstag am 30. September gab es viele aufrichtige Elogen – Jürgens war entschlossen, dass als Auftrag zu interpretieren, weiter Musik zumachen.

Er hatte keine Angst vor dem Alter. „Es gibt nur eine Möglichkeit, dem Alter zu entfliehen, und die ist, jung zu sterben“, hat er einmal gesagt. Er stellte sich dem Älterwerden, war entschlossen, nicht in der Nostalgie-Ecke zu versauern. Und tatsächlich: Jürgens blieb im Gespräch, war relevant und blieb sich treu. Im Showgeschäft keineswegs selbstverständlich.

Er sah immer noch gut aus, auf eine natürliche Weise. Das Leben hatte sich tief eingegraben in dieses Gesicht. Ein Asket war er nie, Jürgens hatte eine Schwäche für Wein und Weib. Bis zuletzt. Doch der Gesang blieb das Wichtigste. Musik war die Konstante seines Lebens, ihr hatte er alles untergeordnet. Jürgens hat oft eingeräumt, dass die totale Fokussierung auf die Musik zu Lasten seines privaten Glücks ging. „Das Showbusiness ist bestimmt nicht dazu geeignet, den Menschen inneren Frieden zu bringen.“ Andererseits: Nur durch ausdauernde, harte Arbeit kann man so lange in diesem Geschäft bestehen. Jürgens hat irgendwann auch nicht mehr damit gehadert, dass keiner so recht wusste, wie man ihn den nun bezeichnen sollte. Schlagersänger sei er natürlich auf keinen Fall und Chansonniers gebe es in Deutschland nicht, wie Jürgens einmal erklärte.

Udo Jürgens' Lieder erzählten Geschichten aus dem Leben

All das ist längst egal, seine Musik ist fester Bestandteil des kulturellen Erbes der Bundesrepublik. Es gibt keinen deutschsprachigen Künstler, der so viele Lieder komponiert hat, die jeder auf Anhieb mitsingen kann. Und die, das war Jürgens’ eigentliche Leistung, Geschichten erzählen, die mit dem Leben der Menschen zu tun haben. Denn dieser Künstler hat sein Publikum nie mit zuckerwattierten Belanglosigkeiten ins Wachkoma geschnulzt. Er hatte gezielt ernste, manchmal extrem sperrige Themen angefasst, ohne dabei wie ein Sozialpädagoge zu klingen. Natürlich war das ein Verdienst seiner Texter, aber es war Jürgens selbst, der die Themen vorgab. Ihm ging es um Umweltzerstörung, Wettrüsten, Intoleranz, das Altwerden – Dinge, die man in der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik sonst nicht verortet. Jürgens hat all das mit Hilfe seiner unwiderstehlichen Melodien unters Volk gebracht. Seine Lieder wurden Evergreens – und das kann man nicht erzwingen. Nur das Publikum entscheidet, was bleibt. Selbst wenn Jürgens Liebeslieder sang, waren das nie Herz-Schmerz-Schmonzetten, sondern Mini-Dramen. Und wenn er einmal doch hemmungslos dem sinnbefreiten Hedonismus huldigte, hatte das echten Witz wie in „Aber bitte mit Sahne“. Seine Hits wurden von Künstlern weltweit nachgesungen, von Shirley Bassey, Bing Crosby oder Sammy Davis Jr. Und Jürgens feierte international Erfolge – selbst in Japan. Er war eben einer der ganz wenigen echten Weltstars der deutschen Musikszene.

Dabei sprach zunächst nichts dafür, dass aus Jürgen Udo Bockelmann, der am 30. September 1934 im österreichischen Klagenfurt geboren wurde, der Musiker Udo Jürgens werden würde. Er wuchs in einer wohlhabenden, einflussreichen Familie auf. Auffallend viele Mitglieder dieser Familie hatten auffallend viel geschäftlichen Erfolg. Aber fürs Geschäft interessierte sich Jürgens nicht, ihn zog die Musik magisch an. Nicht einmal, als er nach der Ohrfeige eines Hitlerjungen Hörkraft im linken Ohr einbüßte, ließ er sich von seinem Ziel abbringen.

Die Familie war nicht begeistert, aber 1948 begann Jürgens am Konservatorium Klagenfurt das Studium von Klavier, Harmonielehre, Komposition und Gesang. Es war die aktuelle populäre Musik, die ihn beeinflusste: Duke Ellington, Count Basie, Benny Goodman. Jürgens begann, selbst zu komponieren, und gewann bereits als 16-Jähriger einen Komponisten-Wettbewerb des Österreichischen Rundfunks. Ein Jahr später folgte der erste professionelle Auftritt als „Udo Bolan“ in einem Klagenfurter Gasthaus. Gage: 5 Schilling, weniger als eine Mark. Die Eltern sahen sich in ihrer Skepsis bestätigt. Doch Jürgens blieb hartnäckig, tingelte – durch Österreich, Deutschland, mit Max Greger sogar durch die Sowjetunion. Eine erste Single wurde 1956 ein katastrophaler Flop. Jürgens ließ sich nicht entmutigen, zog nach München und machte sich einen Namen in der deutschen Szene.

Er trat in einigen dieser fantastisch misslungenen Pseudo-Jugend-Jazz-Filmen und Komödien auf, aber Kino war nicht sein Ding, das merkte er selbst schnell. Andere, namhafte Sänger nahmen jedoch seine Kompositionen gerne. Jürgens fand sich schon mit dem Gedanken ab, hinter den Kulissen als Komponist und Arrangeur zu arbeiten, als ihn Österreich 1964 als musikalischen Vertreter zum Grand Prix schickte. Mit „Warum nur, warum?“ erregte er Aufsehen. 1965 trat er wieder an und 1966 holte er schließlich mit „Merci, Cherie“ den Sieg. Es war endgültig sein Durchbruch. Jürgens genoss den Erfolg, die „möglichst ununterbrochene Vollziehung des Liebesaktes“ hielt er damals für das größtmögliche Glück, wie er später gestand. Dennoch: gearbeitet wurde immer diszipliniert. Das erworbene Handwerkszeug und die Disziplin zahlten sich aus – die Siebzigerjahre wurden sein Jahrzehnt. Er veröffentlichte einige seiner größten Hits, ging unermüdlich auf Tournee. In jener Zeit entwickelte er die Marotte, den Zugabenblock im Bademantel zu spielen. Ein Markenzeichen, über das man sprach. Alte Weggefährten aus der Jazz- und Schlagerszene verschwanden alle in der Versenkung, Jürgens saugte die Klänge der neuen Zeit auf: Disco, Neue Deutsche Welle, all das bekämpfte er nicht, sondern experimentierte fröhlich.

Eine Zeit lang wurde es etwas ruhiger um Jürgens, der aber bienenfleißig weitermachte und es schaffte, mit „Tausend Jahre sind ein Tag“ sogar dem Titellied einer Zeichentrickserie für Kinder einen gehaltvollen Text zu verpassen. Immer mal wieder sorgten Äußerungen von ihm für große Diskussionen, etwa als er die Verhütungspolitik der katholischen Kirche kritisierte oder sich zuletzt schockiert über eine Volksabstimmung in seiner Wahlheimat Schweiz zeigte, bei der die Begrenzung des Zuzugs von Ausländern beschlossen wurde.

In den Neunzigerjahren geschah dann etwas Unerwartetes: Die Jugend entdeckte Udo Jürgens für sich. Nicht als leicht alberne Spielerei wie bei den anderen früheren Schlagerstars, nein, sie entdeckte, was ihre Eltern auch schon entdeckt hatten: Dieser Mann hatte etwas zu sagen, machte gute Musik und war auf der Bühne ein Profi, der wusste, wie man Menschen begeistert. Bei den letzten Tourneen von Jürgens waren dann ziemlich viele junge Menschen zu sehen, die oft euphorischer mitsangen als die Fans der ersten Stunde. Und Jürgens hat das sichtbar genossen. Der Mann brauchte das Licht, den Applaus, die Begeisterung.

Gestern, am vierten Advent, ist er bei einem Spaziergang in seiner Wahlheimat mit Herzversagen zusammengebrochen.

Zoran Gojic

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