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Merkur-Karikaturist Jürgen Tomicek.

Der Merkur-Karikaturist im Interview

"Zu dem, was ich zeichne, stehe ich auch"

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München - Jürgen Tomicek, Karikaturist unserer Zeitung, spricht über den künstlerischen Freiraum, Drohungen und die Satire-Kultur in Frankreich.

Jürgen Tomicek (57) ist einer der gefragtesten Karikaturisten, für unsere Zeitung kommentiert er mit seiner Zeichenfeder seit vielen Jahren das aktuelle Tagesgeschehen. Der gebürtige Allgäuer lebt in Nordrhein-Westfalen und beliefert von dort aus täglich Blätter in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einer millionenfachen Auflage mit Karikaturen. Wir sprachen mit ihm über das Attentat auf seine französischen Kollegen – und die Folgen.

Mit welchem Gefühl haben Sie an einem Tag wie heute Karikaturen gezeichnet?

Dieser Anschlag hinterlässt Spuren, das ist ein Tiefpunkt. Ich will nicht von der Schere im Kopf sprechen, aber ich glaube, kein zeichnender Kollege bleibt davon unbeeindruckt. Ich und nahezu alle meine Kollegen haben aber entschieden: Wir machen weiter wie bisher.

Gibt es Grenzen für Karikaturen und Satire?

Ja, sicher. Aber die muss jeder für sich selbst ausloten. Die Karikatur und die Satire haben die Pflicht, zu kritisieren, aufzudecken. Sie sollten aber auf Empfindungen anderer Rücksicht nehmen. Das darf jedoch nicht heißen, dass man auf die Veröffentlichung von Satire ganz verzichtet.

Wo verläuft Ihre persönliche Grenze?

Mein Leitsatz: Ich benütze meine Zeichenfeder gerne als Florett, nicht als Säbel. Schwierige, sensible Themen muss man aufgreifen dürfen, aber es kommt auf die Art und Weise an. Der intelligente Humor setzt sich durch – plumpe Meinungsmache war noch nie erfolgreich.

Darf Religion verspottet werden? 

Die Religionen nehmen ohne Ausnahme für sich in Anspruch, wesentlicher Teil der Gesellschaft zu sein – das sind sie auch. Wenn der Islam oder das Christentum politisch agieren, dann reagieren Medien und Karikaturisten entsprechend politisierend. Die Gefühle der Gläubigen müssen durchaus berücksichtigt werden.

Wurden Sie schon einmal bedroht?

Ja, aber nicht im Zusammenhang mit islamkritischen Karikaturen. Die Bedrohung kam aus der rechtsradikalen Ecke und fand im Internet, in den Sozialen Medien statt. Und einmal wurde ich wegen einer Kurden-Karikatur verklagt.

Hatten Sie Angst?

Nein. Zu dem, was ich zeichne, stehe ich auch. Hätte ich Zweifel, würde ich die Karikatur nicht veröffentlichen.

Wie unterscheidet sich deutsche und französische Karikaturen-Kultur?

Die Karikaturen in Frankreich und im englischsprachigen Raum haben einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Der Freiraum der Karikaturisten dort ist ungleich größer – und den nehmen sie auch in Anspruch.

Könnten Karikaturen von der Art, wie „Charlie Hebdo“ sie veröffentlicht, in Deutschland gedruckt werden?

Wir Karikaturisten können zeichnen, was wir wollen. Die Redaktionen entscheiden am Ende, was gedruckt wird. Und die sind deutlich vorsichtiger als die in Frankreich. Zu sagen, dass die „Charlie Hebdo“-Leute selbst schuld sind, ist der absolut falsche Weg. Keine noch so harte Provokation rechtfertigt Terrorismus.

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