Merkur-Theaterpreis: Mit Rossini auf der Spielwiese

- Vor gar nicht so langer Zeit konnte man sie ganz woanders antreffen. Auf der Bühne einer verrauchten Kneipe, mit dem Saxophon, dem sie Jazzig-Schräges entlockte. Klänge also, die gar nichts mit ihrem "zweiten Musikerleben" zu tun haben. Dass es bei Irina Prodan anders gekommen ist, davon profitieren zurzeit die Besucher der Pasinger Fabrik. Denn dort ist sie als Fiorilla Mittelpunkt von Rossinis "Turco in Italia" ­ weshalb Irina Prodan heuer auch mit dem Merkur-Förderpreis geehrt wird, den unser Verleger Dirk Ippen stiftet.

"Als Sängerin ist mir die Jazz-Vergangenheit sehr hilfreich", sagt Irina Prodan. Und damit meint sie nicht nur die Verhältnisse auf der Pasinger Mini-Bühne, sondern vor allem den unmittelbaren Publikumskontakt, der auch Improvisationstalent erfordert. Schließlich greift sie sich zu Beginn jeder Aufführung einen Herrn, den sie auf die Bühne bittet und der "Staffage" ihrer Auftrittsarie wird.

Träumen lassen hat sich die Ukrainerin das alles vor neuneinhalb Jahren nicht. Da verließ sie die Heimat Odessa Richtung Deutschland. Das Ziel: Freiburg. Die Hochschulen beider Städte unterhalten eine Partnerschaft. "Damals konnte ich auf Deutsch nur ,Taxi und ,Bahnhof sagen." Und Klavier spielen. Denn Gesang hatte Irina Prodan immer noch nicht als Berufsziel angepeilt, "der lief zwei, drei Jahre so nebenher".

Wer Irina Prodan heute erlebt, der kann sich nicht vorstellen, dass sie ein Musikerleben auf dem Klavierhocker verbracht hätte. Diese Frau ist zum Spielen geboren, davon zeugen ihre Ausstrahlung, ihr Temperament, ja die Lust, mit der sie Zuhörer (und manchmal wohl auch Mitsänger) um den Finger wickelt.

"Gerade deshalb zieht mich die Bühne ja an", sagt Irina Prodan. "Weil ich das machen darf, was mir im wirklichen Leben nicht erlaubt ist. Das ist vielleicht die Spielwiese, die ich als Kind wegen meines strengen Klavierunterrichts nie hatte. Ich hole jetzt also einiges nach." Unterstützt wurde die Ukrainerin vor allem von der Mutter. Die hatte zunächst sogar geplant, ihre Tochter klassische Ballerina werden zu lassen. Ballett, Klavier, Saxophon: Welcher junge Sänger kann schon auf eine solche künstlerische Vergangenheit zurückblicken...

Einmal pro Jahr reist Irina Prodan zurück zur Familie nach Odessa. Und jetzt steht dringend ein Gegenbesuch an: "Meine Eltern haben mich schließlich noch nie als Sängerin auf der Bühne erlebt, nur mal auf einem privat mitgeschnittenen Video."

Der Pasinger Rossini ist ihre erste größere Opernproduktion. "Als ich das erste Mal in die Wagenhalle kam, sagte ich mir: Aha, da lasse ich mich mal überraschen. Und ich wurde wunderbar überrascht!" Derzeit studiert Irina Prodan in Würzburg, im Winter soll die Diplomprüfung über die Bühne gehen. Wahrscheinlich. Denn da ist die Ukrainerin (die perfekt Deutsch spricht) pragmatisch. "Sollte in der nächsten Zeit ein interessantes Angebot kommen, dann muss der Abschluss ein bisschen warten. Diplome habe ich schließlich genug", lacht sie.

Was ihr auf jeden Fall bevorsteht, ist das Anbieten auf dem Sängermarkt. Vorsingen bei Agenturen, Veranstaltern und Opernhäusern ­ Termine, vor denen es der selbstbewussten Künstlerin offenbar wenig graust. So wie es überhaupt scheint, dass Irina Prodan schon jetzt eine sehr realistische Vorstellung vom Musikmarkt hat, und das verbunden mit einer gesunden Selbsteinschätzung. "Ich bin eigentlich Perfektionistin. Aber ich weiß auch, dass es gefährlich ist, Perfektionistin zu sein. Ich bin als Sängerin keine Maschine, muss mir also auch mal Fehler und Formtiefs eingestehen." Und sind bereits große Pläne geschmiedet? "Weniger. Ich nehme es, wie's kommt." Nach dem Pasinger "Turco" dürfte feststehen: Da kommt einiges auf Irina Prodan zu.

Aufführungen bis 19.8. (089/ 82 92 90 79).

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