Das Messer bin ich auch

- "Doch was, wenn ichs beginne, läuft nicht/ aufs Gleiche hin: auf einen Tod, mal schrecklich und/ mal heiter. Auch wenn ich ihn nicht merke:/ ein Stück zerfällt, wenn eine Arbeit fertig ist:/ von mir. Mich aufzubrauchen ging ich in die Welt/ nicht für die fremde Hand. Der Schnitzer bin ich/ und das Holz. Die Späne fallen, vortritt/ mein Gesicht. Das Messer bin ich auch. Was/ will ich mehr. Der Tod verliert sein Unbekanntes/ und bleibt: die Arbeit. Erschreckt geh ich und heiter/ an meine Bank und treib das Messer weiter."

<P>Der das schrieb, der Poet und Dramatiker Thomas Brasch, starb im November des vergangenen Jahres. Lebensgefährtin Katharina Thalbach und Freund Fritz J. Raddatz haben den Nachlass gesichtet, der der Stiftung Archiv der Akademie der Künste in Berlin gehört, und den Gedichtband "Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer" herausgegeben. Auf eine Datierung wurde, weil zu schwierig und unsicher, verzichtet; Texteingriffe gab es bis auf offensichtliche Schreibfehler nicht.</P><P>Es ist ein sehr persönliches, ja intimes Buch entstanden. In keinem der Verse zieht sich Brasch hinter ein schützendes, distanzierendes poetisches Ich zurück. Er ist gewissermaßen körperlich immer ganz da _ und thematisiert dieses sich Aussetzenwollen und das Ausgesetztsein auch deutlich. Er reiht sich damit ein in die Tradition romantischer Künstlerpersönlichkeiten, die der preußische Kollege E. T. A. Hoffmann als Insekten beschrieb, denen ihr fester Chitinpanzer abhanden gekommen ist. Sie empfinden extrem und leiden extrem.</P><P>Thomas Brasch, dessen Hausgötter (den Gedichten zufolge) William Shakespeare, Bertolt Brecht und Heinrich Heine sind, rückt in den Versen sein authentisches Ego ganz nahe an das fiktive, sodass der Leser das Gefühl hat, live dabei zu sein in Lebenstumulten und Gedankenwirbeln des Dichters. Zugleich verwandelt Brasch das Chaos des Alltags in den Kosmos der Lyrik. Wobei er in wunderbarer Weise in dem oben zitierten Gedicht die Ambivalenz dieses Vorgangs charakterisiert: indem etwas entsteht, geht anderes zu Schanden.</P><P>Diese Spaltung von Einheit _ seien es die beiden deutschen Staaten, in denen er lebt, Frau und Mann, Dasein und Tod, seien es Weitermachen und Aufgeben _ ist das vorherrschende Thema der vorliegenden Lyrik. Sie strahlt sehr viel Trauer aus _ und sehr viel Kraft. "Schließe die Tür und begreife,/ daß niemandem etwas fehlt,/ wenn du fehlst, begreife,/ daß du der einzige bist der ohne Pause/ über dich nachdenkt . . ." Auf Thomas Brasch treffen diese resignativen Zeilen nicht zu: Sein Werk verhindert es.</P><P>Thomas Brasch: "Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 199 Seiten, 16,90 Euro.<BR></P>

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