Messerscharf ins bayerische Herz

- "Ein Deutschland ohne Hitler ist wie ein Bayern ohne Lederhose." Am Ende nimmt Joseph Bierbichler als das Alter Ego des Dichters Oskar Maria Graf (1894-1967) die Axt vom Grabstein, haut mit ein paar wuchtigen Schlägen der Wut Biertische und -bänke zu Kleinholz und bremst sich auch nicht beim Rokokostuhl. "Jetzt könnt Ihr s Theater abreißen. Und macht s ein Museum daraus." Späte Genugtuung eines nach seinem Tod "in die Unsterblichkeit" Heimgeholten, den man zu seinen Lebzeiten "hier nicht und in meinem Dorf schon gar nicht" hat leben lassen.

<P>Nach einer Stunde ist das vom Bayerischen Rundfunk live übertragene, szenisch-musikalische Lebensbild des Schriftstellers vom Starnberger See beendet. Im Rahmen von Festspiel + erlebte "Unser Oskar", eine "Sprachoper" von Andreas Ammer und Sebastian Hess, im Münchner Cuvillié stheater ihre Premiere. Und damit die Bayerische Staatsoper einen künstlerisch ganz und gar außergewöhnlichen Höhepunkt der gestern zu Ende gegangenen Festspiele.<BR><BR>Bedauerlicherweise ist - zumindest bis jetzt - eine Wiederholung von "Unser Oskar" in der neuen Saison nicht vorgesehen. Aber es darf doch nicht wahr sein, dass die Oper eines ihrer besten, mutigsten Stücke, dass sie diesen wunderbaren, klugen, sinnlichen, zwischen Trauer und Anarchie, Revolution und Lebensfreude angesiedelten Oskar-Maria-Graf-Abend gleich wieder in der Versenkung verschwinden lässt! Das Cuvilliéstheater wird zum Jahresende zwecks Renovierung geschlossen. Ein bisschen Zeit wäre also noch nach den Theaterferien.<BR><BR>". . . ich könnte hier nicht atmen, in dem vollgefressenen Bundesdeutschland."<BR>Oskar Maria Graf</P><P>Und im Cuvilliéstheater muss es nun einmal sein. Denn hier hatte der in Berg geborene und im amerikanischen Exil lebende Graf 1958, als er aus New York zu einem Besuch nach Bayern heimkehrte, seinen denkwürdigen Auftritt. Man wollte ihn zunächst nicht hinein lassen ins ehemalige Hoftheater, denn der "einzige Bayer, der in der Welt bekannt ist" trug Lederhose statt Smoking.<BR><BR>Nun aber wurde ihm ein theatralisches Fest bereitet. Die Bühne - ein offener Raum: die Kirche von Berg und das Geburtshaus Grafs im Holzmodellbau; ein Flügel, an dem Moritz Eggert Platz nimmt, neben ihm Sebastian Hess am Violoncello und Ralph Beerkirchner an Gitarre und Loops; im Hintergrund ein Biergarten mit Fass und gefüllten Masskrügen, dazu eine Leinwand für Originalfilmaufnahmen. Mit Karacho öffnet sich hinterm Parkett die große Mitteltür des Theaters und herein marschiert die Bachhausener Blasmusik, vornweg mächtig komisch Michael Tregor im zugeknöpften Trachtenjanker, mit enger Bewegung den Takt schlagend, und Susanne Buchberger quasi als das weibliche Element des Oskar Maria Graf.<BR><BR>Dazwischen Joseph Bierbichler. Wie immer. Ohne Lederhosen. Ohne Theaterkostüm. Dieser Schauspieler braucht keine Maske. Jeder Blick, jeder Gesichtsmuskel, jede Geste lassen seine künstlerische Authentizität spüren. Er ist Oskar Maria Graf. Und ob als Bierbichler oder als Graf: Dass er sich so sehr in Einklang findet mit dem Publikum, dass ihm so gar kein Widerstand aus Parkett und Rängen entgegengebracht wird, wenn uns die Texte des Dichters messerscharf ins bayerische Herz schneiden, mag ihn ja vielleicht etwas enttäuscht haben. Nicht einmal Publikumsunmut, wenn in der Königsloge, in der gerade Bierbichler und Tregor als Oskar Maria Graf und Adolf Hitler die berühmte Szene aus dem Schwabinger Café  nachgespielt haben, die Hakenkreuzfahne als Vorhang heruntergeht. Und dort provozierend prangt, bis alle das Theater verlassen haben.<BR><BR>Auch kein Aufschrei des Protests, wenn der Eiserne Vorhang fast ganz herunter gelassen wird, Bierbichler/Graf unten durch kriecht ins Exil und hinter dem Vorhang eine Reihe aufmarschierter, weißbestrumpfter strammer Wadeln sichtbar wird. Das sind starke Bilder für zu Herzen gehende, aufwühlende Texte wie den Traum von der Guillotine in der Leopoldstraße.<BR><BR>Unser Oskar? Das wohl noch immer kaum. So wenig wie er sich 1933 vereinnahmen ließ und auch nicht 1958, so wenig wird dies heute gelingen. Ein Radikaler, der sich noch aus der Unsterblichkeit heraus dagegen wehrt. Da hilft uns nur eines: Oskar Maria Graf lesen, lesen, nochmals lesen. <BR></P>

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