Der Messias muss frieren

Premierentag bei den 41. Oberammergauer Passionsspielen: Jesus lässt die Kalbsbäckchen aus, Horst Seehofer entdeckt den Messias in sich, und die restlichen 5000 Besucher mummen sich in Decken. In dem Dorf ist nun endgültig der Ausnahmezustand ausgebrochen. Wie alle zehn Jahre.

Der Mann, der das Zeug zum Heilsbringer hätte, steht ein paar Meter vom Oberammergauer Passionstheater entfernt vor einer ZDF-Kamera. Er ist bärengroß, bibelfest und grauhaarig. Aber kaum ein Mensch hat ihn bisher gefragt, ob er sich ein Leben als Gottes Sohn vorstellen könnte. Nicht Angela Merkel, nicht seine Frau, nicht der Papst. Da kommt das ZDF gerade recht.

Grandios und herzbewegend heutig: Die Passion in Oberammergau

Er würde den Jesus machen, trällert der Mann christusmäßig selbstbewusst ins Mikro. Wenn er die Auswahl hätte und wenn endlich jemand fragen würde. Aber nie fragen die Richtigen, nie die Entscheider. Noch nicht einmal heute bei der Premiere der Oberammergauer Passionsspiele 2010. Kann man nichts machen: Der bärengroße Mann, Horst Seehofer heißt er, muss der CSU treu bleiben. Doppelrolle ausgeschlossen: Gottes Sohn und Bayerischer Ministerpräsident ist geschichtlich anscheinend nicht vorgesehen. „Da bin ich froh drum“, sagt Christian Stückl, saugt an seiner Zigarette und lacht gluckernd. Jesus Seehofer, das hätte dem Spielleiter der Passion gerade noch gefehlt. Stückl hatte in den letzten Monaten so schon genug um die Ohren. Unzählige Proben mit seinen 2000 Mitwirkenden, Pressetermine, wenig Schlaf, dafür aber ein paar Tausend Zigaretten. Er sei glücklich, sagt er, dass er seine beiden Jesusdarsteller Frederik Mayet, 30, und Andreas Richter, 33, habe. Amtshilfe der CSU braucht er nicht. Jesus Mayet und Jesus Richter sind die beiden auserwählten Vollbärtigen, die sie an den nächsten 100 Aufführungstagen ans Kreuz nageln werden. Immer wieder, immer weit nach 22 Uhr, immer abwechselnd.

Stückl nimmt noch einen zünftigen Zug Zigarette. Gleich muss er wieder rein ins Festzelt, das direkt neben dem Passionstheater steht. Großes Spektakel dort drinnen, die Staatskanzlei hat einen prächtigen Premieren-Empfang organisiert, mit allem Drum und Dran. Mit gegrillten Austernpilzen, in Barolo geschmorten Kalbsbäckchen, mit Kardinal Wetter, Gerhard Polt, Innenminister Joachim Herrmann, dem bayerischen Landtag in Busstärke, mit geeistem Kaiserschmarrn, Herzog Franz von Bayern und dem Nuntius des Papstes. Beliebtestes Schmuckstück im Zelt: Siegelringe.

Dann hastet Stückl rein. Wahrscheinlich würde er lieber weiter rauchen, denn mit seinen Sitznachbarn sind die Gespräche zäh. „Die reden gleich über Politik“, sagt er, dann geht er doch zu seinem Tisch. Setzt sich, direkt neben Seehofer. Jesus-Anwärter trifft Jesus-Macher. Aber Stückl braucht keine Charme-Offensive des Ministerpräsidenten zu fürchten: Seehofer hat sowieso Passions-Verbot, nur gebürtige Oberammergauer dürfen mitspielen. Oder Zugereiste, die schon 20 Jahre hier wohnen.

Jesus Mayet, der den Premieren-Christus spielt, war gerade auch noch beim Staatsempfang, aber die Kalbsbäckchen lässt er aus. Mayet steht jetzt vor einem Café direkt gegenüber dem Passionstheater, Cappuccino trinkend bei bitterbösen sechs Grad und Dauerregen. In einer Stunde ist die Pause vorbei, dann geht das sechsstündige Bibelspektakel weiter. Dann steht Jesus Mayet wieder auf der Bühne. „Vor dem ersten Teil war ich nervös, aber jetzt muss man schauen, dass die Spannung wieder kommt“, sagt er. Nur vor der Kälte hat er ein bisserl Bammel, 20 Minuten fast nackig am Kreuz ist auch für einen Oberammergauer Jesus kein Krippenspiel.

Es gibt da zwar so eine Radfahrercreme, die sauwarm macht, sich aber nicht mit der Blutschminke verträgt. Die Schminke schmieren sie dem gepeinigten Christus auf den Leib, damit die Qualen bibelmäßig echt ausschauen. „Danach wäre man glatt wie ein Aal“, erklärt Mayet. Und aalglatt ist nicht drin, er müsse ja auch wieder runter vom Kreuz. Achtung, Achtung, Jesus zu glitschig, Auferstehung muss ausfallen! So was geht natürlich nicht.

Jesus ist an diesem Tag in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für die Menschen, gerade auch im Frieren. Manche Zuschauer preisen zwar die Qualität ihrer Multifunktions-Unterwäsche, bitterkalt ist es dennoch. Andere veranstalten außergewöhnliche Wickelmanöver mit ihren Wolldecken. In der Tierwelt haben lediglich Raupen kurz vor der Verpuppung ähnliches Format wie manche Premieren-Besucher. Schlottern tut dennoch ein jeder. Da ist der nackte Jesus das glänzendste Beispiel, in jeder Hinsicht. Gängige Begrüßung an diesem Samstag: „Grüß Gott, ach, Sie auch zum Frieren da?“

Aber die 5000 Gäste sind wacker, Deckennachschub schaffen sie auch in der Spielpause kaum herbei – zum Leidwesen der Verkäuferin im Andenkenladen. Ihre flauschigen, schwarzen Passions-Decken bleiben Ladenhüter. „Die frieren lieber“, zetert die Frau.

Auch Seehofer hat sich eine rote Wolldecke über die Knie gelegt, an der Schwärmerei für die Passion ändert das nichts. „Was als Frömmigkeitsübung in Zeiten der Not begann, ist heute längst ein Welttheater“, hat er vorher beim Staatsempfang erklärt. Sogar der Kardinal Wetter und der Nuntius des Papstes, erzählt der CSU-Chef, haben sich beide heute schon zu ihm gebeugt, dann haben sie geflüstert: „Es ist alles perfekt.“ Antwort Seehofer: „Das ist bei uns in Bayern so.“

Vor allem Spielleiter Stückl hat es dem Ministerpräsidenten angetan. Er schwärmt vom „Turbo-Redner, Turbo-Raucher, Turbo-Esser“ Christian Stückl, Jahrgang 1961. Seehofer, Jahrgang 1949, wünscht dem Oberammergauer Spielleiter vorsorglich schon einmal „eine Lebenserwartung, die sehr hoch ist“. Vielleicht hat sich der Ministerpräsident den Messias doch noch nicht aus dem Kopf geschlagen.

Jesus Seehofer – vor dem Jahr 2030 geht allerdings nichts.

Stefan Sessler

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