Der Metzger, der Penner und die Stars

- Er war ein Ästhet, der die Armut sah. Der die Schinderei des Menschen durch den Menschen, durch die Natur wahrnahm. Bernhard Wicki (1919-2000), dessen großartiger Film "Die Brücke" uns jetzt beim Gedenken ans Kriegsende wieder nahe gerückt ist, darf neu entdeckt werden. Die Kunstsektion der Münchner Pinakothek der Moderne präsentiert mit rund 80 Aufnahmen den Fotografen Bernhard Wicki. Auf der Suche nach Vergessenen fand Kuratorin Inka Graeve Ingelmann nach Moï¨ Wer nun Wicki. Einen Berühmten, dessen eine kreative Seite zuletzt 1961 von Friedrich Dürrenmatt bei einer Berliner Schau gewürdigt worden war und dann "eingemottet" schlummerte.

Mit Hilfe von Wickis zweiter Frau, Elisabeth Endriss, konnten die originalen Abzüge und Ausschnitte (Vintage Prints), die der Künstler selbst hergestellt hatte, zu einem intensiven Panorama in Schwarz-Weiß vereinigt werden. Was sofort auffällt: der starke Wille zu einer durchdachten Komposition. Und das bei einem Autodidakten, der sich gerade erst auf die Fotografie gestürzt hat. Ob die alten Pariser beim Plausch, ob der Metzger mit dem ausgeweideten Schwein über der Schulter, ob die Frauen in der ausgedörrten Landschaft Kenias, ob das Antlitz von Gustav Knuth oder Maria Schell, das Bild ist als Kunstwerk wichtig. Das bestätigt Endriss, wenn sie von Wicki erzählt: ",Was zeichnet mich aus?’, sagte er: ,Gesellschaftskritik und eine Art von Poesie’."Der erfolgreiche Theaterschauspieler war dem Medium 1952 bei der "Weltausstellung der Fotografie" in Luzern begegnet; war fasziniert von Robert Capas "Ikone", dem gerade von einer Kugel getroffenen Soldaten. Bernhard Wicki ließ sich vom Bayerischen Staatsschauspiel für einige Monate beurlauben und erarbeitete sich in Paris die Fotografie. Wir begegnen nicht dem Glanz der Metropole, sondern dem elenden Glück des besoffenen Clochards, dem bescheidenen Glück eines Schwätzchens. Aus dieser visuellen Suche wurde der Schauspieler durch persönliches Glück gerissen: In Helmut Käutners Film "Die letzte Brücke" (1953) hatte er einen Riesenerfolg. Fotos machte er jetzt - bis auf einige Münchner Oktoberfest-Aufnahmen - im Urlaub, bei Dreharbeiten.Deswegen tauchen in der Tanger-Reihe (1957) ein Bildnis von Hildegard Knef auf ("Madeleine und der Legionär") oder in der Paris-Serie von 1957 Romy Schneider, Horst Buchholz und Käutner. Bei dessen "Monpti" war Wicki Regieassistent. Ein Jahr später debütierte er mit "Warum sind sie gegen uns?". 1959 kam der weltweite Durchbruch als Regisseur mit dem Werk "Die Brücke". Die Fotografie trat völlig in den Hintergrund - aber sie prägte die Filme. Dass Bernhard Wicki Foto, Kino und seine Position als Regisseur genau reflektierte, zeigt in der PDM der kurze, kluge Streifen "Die Träne" mit Helmut Qualtinger: ein scharfer, selbstkritischer Kommentar.

Bis 1.10., Säle 15, 16, Katalog: 24,90 Euro; Tel. 089/ 23 80 53 60; Filme: "Die Brücke", 24.6.; "Das Spinnennetz", 8.7.; "Die Grünstein-Variante", 16.9., je 18 Uhr.

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