Meyerbeer und sein Nachfahre

- Acht Jahre sind vergangen, seitdem W. Michael Blumenthal Direktor des Jüdischen Museums in Berlin wurde - ein Missverständnis hält sich aber noch immer hartnäckig. "Amerikanische Freunde sagen oft zu mir, sie wollen in Berlin gerne mein Holocaust- Museum besuchen. Und immer muss ich klarstellen: Es ist kein Holocaust-Museum, es ist ein Museum zur deutschen Geschichte." Für den früheren amerikanischen Finanzminister, der heute 80 Jahre alt wird, erzählt es auch einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte. Blumenthals Urgroßvater saß der Synagogengemeinde in Oranienburg vor, zu seinen Vorfahren zählen die Schriftstellerin Rahel Varnhagen und der Komponist Giacomo Meyerbeer.

Blumenthal blickt auf eine 300 Jahre alte deutsch-jüdische Familienbiografie zurück. Und trotz der Shoa hat sich Blumenthal, der 1939 vor den Nazis ins chinesische Exil nach Schanghai flüchtete und später in den USA Karriere machte, die Hoffnung auf jüdisches Leben in Deutschland nicht nehmen lassen. Es war wohl auch dieser Optimismus, der die Antriebsfeder war, als Blumenthal sich aus dem Ruhestand für den aufreibenden Job des Museumsdirektors nach Berlin locken ließ. Seitdem zählt das Haus, das im Namen den Zusatz trägt "Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte", mit jährlich 700 000 Besuchern zu den erfolgreichsten Museen in Deutschland. Das Museum zeigt, wie fest jüdische Bürger im deutschen Leben integriert waren, was sie dabei leisteten und wie sich ihr Gemeindeleben abspielte. Und bei der Vergabe des Preises für Verständigung und Toleranz  versammelt Blumenthal jedes Jahr die Gönner des Museums.

 Den Nazis entkommen

In seinem Buch "Die unsichtbare Mauer" (1999), in dem er der Spur seiner Familie bis in das frühe 17. Jahrhundert folgt, hat Blumenthal das Panorama einer reichen deutsch-jüdischen Kultur gezeichnet. Es ist aber auch die Geschichte einer unerwiderten Liebe, bei der alle Assimilationsbestrebungen der Juden am Antisemitismus der Deutschen scheiterten und schließlich von den Nazis zunichte gemacht wurden. Blumenthals Vater Ewald, als Soldat im Ersten Weltkrieg dekoriert und im Berlin der Weimarer Republik zunächst angesehener Unternehmer, erlitt den Terror am eigenen Leib. Die Nazis enteigneten das Familiengeschäft für Damenbekleidung und quälten ihn zwei Monate im KZ Buchenwald. In letzter Minute gelang der Familie 1939 die Flucht, zunächst nach Schanghai, wo sie bald darauf von den Japanern in einem Ghetto für jüdische Flüchtlinge eingeschlossen wurde.

Erst 1947 konnte Blumenthal in die USA ausreisen. Nach dem Studium in Princeton ging er zunächst in die Industrie, wo er sich den Ruf eines brillanten Managers erwarb. 1961 ernannte ihn Präsident John F. Kennedy zum Wirtschaftsexperten im State Department, später stieg er zum stellvertretenden Sonderbotschafter für Handelsfragen auf. 1976 berief ihn Präsident Jimmy Carter zum Finanzminister, doch fast drei Jahre später kehrte er nach einer Kabinettsumbildung wieder in die Wirtschaft zurück. Lange Zeit hatte Blumenthal ein gespaltenes Verhältnis zu Deutschland. Seine Haltung änderte sich, als er viele Jahre nach der Emigration in das Land seiner Vorfahren zurückkehrte und zum Museumsdirektor in Berlin ernannt wurde. Einen Traum will sich Blumenthal in den kommenden Monaten noch erfüllen: zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland seiner amerikanischen Nationalelf im Berliner Olympiastadion zujubeln.

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