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Garderoben-Selfie: Okka von der Damerau als Geneviève ("Pelléas und Mèlisande").

Interview

Mezzosopranistin Okka von der Damerau: "Keine Rituale bitte"

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München - Mezzosopranistin Okka von der Damerau über stimmliche Nachbrenner, Rollenfutter und pränatale Beschallung.

Wenn Okka von der Damerau die Bühne betritt, merkt man sofort auf: Ihr warmer, substanzreicher, makellos geführter Mezzosopran ist mit das Beste, was das Ensemble der Bayerischen Staatsoper zu bieten hat. Eigentlich ein Fall für Haupt- und Titelrollen, doch die gebürtige Hamburgerin hat ja noch Zeit – und kann warten. Am 15., 17., und 19. Februar ist sie im Nationaltheater in Schönbergs „Gurre-Liedern“ zu erleben, ab März als Ulrica in der Neuproduktion von Verdis „Un ballo in maschera“.

Wie kommt man als Hörgeräte-Akustikerin auf die Opernbühne?

Das war eher ein Ausflug. Den Beruf finde ich übrigens noch immer interessant. Die Leidenschaft für den Gesang hatte ich im Schulchor entdeckt und merkte schon da, dass mir beim Singen keine Probenzeit zu lang ist. Beim Klavierüben dagegen war ich immer total faul. Ich habe mich trotzdem für die Lehre entschieden, weil ich bei den Aufnahmeprüfungen für Gesang durchgerasselt bin. Dabei erinnere ich mich noch gut an den Spruch: „Können Sie nicht was anderes machen? Das wird nie was mit dem Singen.“

Weil es auch Irritationen oder Fehleinschätzungen wegen der größeren Stimme gab?

Die Gaudi in der Garderobe geht weiter: Okka von der Damerau als Waltraute ("Götterdämmerung") ...

Das ist ja immer schwer einzuschätzen, gerade bei einer Stimme, die nicht in den nächsten fünf, sechs Jahren auf ihrem Höhepunkt sein wird und sich längerfristig entwickelt. Schon damals hatten alle Probleme damit, mir Vorsing-Arien zu empfehlen. Letztlich schaffte ich die Prüfung mit Rollen wie Tschaikowskys Jeanne d’Arc oder Dalila von Saint-Saëns. Die haben allen gezeigt, dass da noch so etwas wie ein Nachbrenner kommen kann.

Und wie schwer war das Warten für Sie?

Ich hatte Glück, dass ich gleich von der Hochschule weg an die Staatsoper Hannover engagiert wurde. Gleichzeitig war ich froh, dass ich nie überfordert wurde. Persönlich wachsen und in den Ablauf eines solchen Hauses hineinkommen, damit hat man zunächst genug zu tun. Der Wechsel nach München bedeutete, dass man nicht gleich an größere Partien kommt, sondern in Sachen Qualität einen Schritt nach vorn tut. Außerdem bekam ich mein zweites Kind, das beschäftigt einen ja auch ein bisschen. Irgendwann sagt man sich allerdings: Und jetzt brauche ich Futter.

Kriegen Sie genug?

... Musico ("Manon Lescaut") ...

Ich finde schon. Auf die Ulrica im neuen Münchner „Maskenball“ freue ich mich sehr, natürlich auch auf die „Gurre Lieder“ jetzt. Es ist einiges in Aussicht. Herr Bachler fördert die Sänger an diesem Haus und will sie halten. Wir bleiben ja auch ganz gern. Es ist eben ein langer, aber stetiger Weg. Außerdem habe ich noch Familie. Da wäre es nicht unbedingt klug, dauernd „Hier!“ zu schreien.

Besteht die Gefahr, dass man bequem wird im Ensemble eines solchen Edel-Hauses?

Nee, fragen Sie mal in der Chefetage nach. Ich bin nicht bequem. Jeder Künstler hat ja diesen gewissen Drang, den manche verwechseln mit dem Wunsch, berühmt zu sein. Dabei ist es viel schlimmer: Bei mir ist es einfach dieser Wahnsinnswunsch, zu singen und daran zu wachsen.

Sie sagten einmal, Sie seien „unverwüstlich“ und eher „Handwerkerin als Träumerin“.

Genau. Ich pflege auch keine Rituale. Am Aufführungstag um zehn Uhr heißes Wasser mit Wacholderbeeren und Zitronenschnitzen trinken, um 12.30 Uhr leichte Pasta mit Tomatensoße essen… Ich finde das Wahnsinn, damit schränkt man sich doch ohne Ende ein. Ich weiß auch gar nicht, ob ich überhaupt in früheren Zeiten Sängerin geworden wäre, vielleicht, weil ich für den Markt zu handfest bin. Aber Vorsicht, das täuscht jetzt: Ich bin nicht so cool, wie es scheint. Ich bin eher bekannt für meine Emotionalität.

Karriere nur, wenn eine Familiengründung möglich ist: War das von Anfang an Ihr Plan?

... und als Suzuki ("Madame Butterfly").

Nein. Mit Plänen macht man sich zu einem großen Prozentsatz unglücklich, weil es zu viele Komponenten gibt, auf die man keinen Einfluss hat. Auch wenn ich einen dreijährigen und einen sechsjährigen Jungen habe: Ich bin nicht der Meinung, dass man Kinder zwingend braucht, um glücklich zu sein. Jetzt als Mutter finde ich das natürlich toll. Und beide sind pränatal beschallt worden, mal sehen, wo es bei ihnen musikalisch hingeht. Ich habe in Hannover zwei Wochen vor dem Geburtstermin des Älteren „Rheingold“-Premiere mit Erda gehabt. In München habe ich beim zweiten Kind bis kurz vor knapp unter anderem „Walküre“ und „Götterdämmerung“ gesungen. Das Letzte war aus dem Off die Stimme der Mutter im „Hoffmann“, das passte ja ganz gut.

Wer darf Ihnen eigentlich direkt nach der Vorstellung etwas sagen?

Keiner! Ich habe meinem Mann, der übrigens Gastronom ist, gesagt: „Du darfst mich direkt nach der Vorstellung immer anlügen.“ Im Ernst: Ich bin sehr kritisch mit mir, mit anderen komischerweise nicht so. Wenn ich Grenzen spüre, ärgere ich mich und bin froh, wenn ich in dieser Sache bestätigt werde. Das Problem bei uns Sängern ist nur, dass wir quasi aus jeder Ecke Kritik bekommen. Man muss das einordnen lernen: Wer will mir was Gutes? Ich musste begreifen, dass ich Kritik nicht von jedem auszuhalten brauche. In meinem Beruf wird man anfangs darauf geeicht, auch die andere Wange hinzuhalten. Das ist Quatsch. Im Grunde weiß man selbst, wie man war, man muss es sich nur eingestehen. Man wird immer zu Bescheidenheit und Demut erzogen. Das ist schon richtig, aber was vor allem mein Beruf erfordert, ist Mut.

Also zurück zu den, im positiven Sinne, Diven-Eigenschaften?

Irgendwie schon. Ganz generell gelten ja Menschen als schwierig, wenn sie zu ihren Meinungen stehen. Ich bin halt sehr ehrlich.

Das Münchner Ensemble soll also bis auf Weiteres das Auffangnetz bleiben, gerade wegen der familiären Situation?

Ich wäge grundsätzlich immer ab, weil es ja Angebote von außen gibt. Natürlich ist eine Ensemblemitgliedschaft komfortabel. Außerdem ist mir bewusst, dass ich mit einer eher dramatischen Stimme Zeit habe. Mein Kopf weiß, dass ich keine Eile haben muss, aber das Herz drängt. Außerdem, und da will ich jetzt kein Mitleid haben: Die ganze Angelegenheit inklusive Familie ist sackanstrengend. Da komm’ ich oft gar nicht dazu, meine Lage von außen zu betrachten. Eines weiß ich allerdings: Ich bin in einer wunderbaren, privilegierten Situation.

Das Gespräch führte

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