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„Ich kämpfe für eine gute Aufführung, nicht gegen Bayreuth oder München“: Regisseur Hans Neuenfels (69) inszeniert Mayrs Medea-Vertonung.

„Mich amüsiert das eher“

München - Regie-Legende Hans Neuenfels debütiert mit Giovanni Simone Mayrs „Medea in Corinto“ an der Bayerischen Staatsoper.

Er gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten, prägendsten Regisseuren unserer Zeit. Seine Inszenierungen wie Verdis „Aida“ in Frankfurt sind heute Legende, sein Berliner „Idomeneo“ mit den abgeschlagenen Köpfen der Religionsführer löste eine heftige Debatte aus. Umso erstaunlicher, dass Hans Neuenfels (69) erst jetzt an der Bayerischen Staatsoper debütiert – mit „Medea in Corinto“ von Giovanni Simone Mayr. Premiere ist am kommenden Montag im Nationaltheater.

Erst jetzt München, Ende Juli der erste Bayreuth-Einsatz mit „Lohengrin“: Ist das eine späte Genugtuung? Oder amüsiert Sie das?

Mich amüsiert das eher. Aber das Amüsement hält sich in Grenzen, weil die Arbeit viel zu groß ist.

Sie meinten übers Inszenieren einer Oper: „Wer die Form nicht findet, hat verloren.“ Wie sieht die Form bei „Medea“ aus?

Die Form liegt einfach in dem gesellschaftlichen Moment. Die Bürger von Korinth und das Individuum Medea prallen aufeinander. Medea als humanes Prinzip in einer entarteten Gesellschaft. Wie bedingen sich beide Fronten? Wie verästeln sie sich? Daraus ergibt sich die Form. Es ist sicherlich eine Art von Amoklauf dieser Frau. Und was noch spannend ist: wie Herr Mayr aus dem Biedermeier die Antike betrachtet hat. Wir haben ja auch den Kontakt zur Antike verloren. Diese Art von Filterung des Stoffes soll bei uns zu sehen sein.

Mayrs Musik hat eine gewisse, manchmal muntere Formelhaftigkeit. Steht dies unserem Verständnis von Tragödie entgegen?

Wenn man sich auf die vorgegebene Form Mayrs einlässt, kommt man auf spannende Entdeckungen. Etwa dass er das Klischee der Medea unterläuft, in dem er ihr eine Geige beigesellt. Er zerstört so das Megärenhafte.

Ergreift er also Partei für Medea?

Ganz sicher. Er gibt ihr Verzweiflungsausbrüche, Momente der Raserei, aber die sind alle ungewöhnlich genau aus der Situation heraus komponiert. Er relativiert diese Ausbrüche also. Mayrs Musik hat etwas Realistisches, Unheroisches, Fragmentarisches, Offenes. Er skizziert. Das macht die Sache so heutig.

Keiner kennt das Stück. Es ist also fast eine Art Uraufführung. Inszeniert man da anders?

Ich kann mich von so etwas nicht irritieren lassen. Ich lege bei jeder Oper großen Wert darauf, die Geschichte zu erzählen.

Das Stück endet offen, mit einem Verzweiflungsausbruch aller, nachdem Medeas Kindsmord bekannt wurde. Was passiert dann?

Ich denke, dass Medea irgendwohin geht. Weg aus dieser pervertierten Gesellschaft. Vielleicht hat sie ja woanders Glück.

Wie kann man diesen todbringenden Hass heute noch plausibel machen?

Indem man sich der sie umgebenden Gesellschaft zuwendet. Hass ist ja immer mit großer Verzweiflung gepaart. Eine ohnmächtige Hilflosigkeit allem gegenüber. Bei Mayr ist die Tat außerdem nicht zu sehen. Das finde ich sehr gut.

Ist es leichter, mit Sängern aus dem deutschen Fach zusammenzuarbeiten als mit denjenigen aus dem italienischen, weil zum Beispiel die Wagner-Solisten durch Regie-Experimente gestählter sind?

Nein, überhaupt nicht. Es ist immer sehr individuell, wie die Chemie stimmt. Das kommt immer auf die Konstellation an.

Ist Ihnen die Figur Lohengrin sympathisch?

Ja.

Aber sein Frageverbot ist doch recht anmaßend.

Man kann die Anmaßung, die Arroganz, die dem Ganzen zugrunde liegt, ja auch als letzten Verzweiflungsversuch deuten. Als Kampfansage an eine sich auflösende und nicht mehr reagierende Gesellschaft. Die Beziehung Elsa/Lohengrin wäre, wenn sie funktionieren würde, ein ungeheuer kraftvoller Widerspruch dagegen.

Behält man den Ort Bayreuth im Hinterkopf beim Inszenieren?

Nein, auch dort geht es rein ums Erzählen. Es ist mir gleichgültig, ob ich in München, Schwetzingen oder Berlin arbeite. Ich kann nicht sagen, dass ich den Grünen Hügel freudiger erklimme.

Aber viele Ihrer Kollegen scheinen über die Regie gegen den Mythos Bayreuth anzukämpfen.

Das tu’ ich überhaupt nicht. Warum denn auch? Ich kämpfe für eine gute Aufführung, aber nicht gegen Bayreuth oder München.

Wie leicht oder schwer macht es Mayr dem Regisseur? Wagner scheint doch durch die Musik viel Gestischeres anzubieten.

Wenn man so will, ist Mayr schwerer. Man muss unglaublich wühlen, um hervorzukitzeln, was dahintersteckt. Wagner ist offener, machtvoller, direkter im Umgang.

Arbeiten Sie mit Sängern lieber als mit Schauspielern?

Nein. Ich arbeite immer sehr gern mit Sängern, weil es dort eine vorgefertigte Form gibt. Im Schauspiel dagegen gibt es eine oft irritierende Formlosigkeit, das liegt auch an gegenwärtigen Inszenierungen. In der Oper ist das gottlob noch nicht so anzutreffen. Mir ist der Kampf um die Form lieber, als sie aufzugeben.

Also das Unterbrechen der Musik aus Regiegründen wäre für Sie weniger diskutabel...

Das ist für mich gar nicht diskutabel! Auch im Schauspiel ist an der Form festzuhalten. Ich finde es eine Unverschämtheit, wenn ein Regisseur glaubt, er sei Tschechow oder Shakespeare. Das ist ein derart frivoler Vorgang und eine maßlose Überschätzung.

Aber wo fängt’s an? Spielen Sie jeden Takt von Mayrs Partitur?

Natürlich nicht. Aber ich würde eben keine Mozart-Arie reinbringen.

Sind Sänger Regisseuren gegenüber offener geworden?

Sicher. Das hängt auch mit eigenen Seh-Gewohnheiten zusammen. Man nimmt gewissermaßen das Übel der Regie eher hin (lacht).

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