Mich hat's bereichert

- Ganz hatte er sich ja nicht vom Theater verabschiedet. Immer mal wieder ein eigenes Programm; und einmal auch 70 Vorstellungen en suite im Konzerthaus in Karlsruhe als Musical-Star. Als aber jetzt "Tatort"-Kommissar Batic alias Miroslav Nemec - an diesem Montag wird er 52 - plötzlich auf der Bühne der Münchner Kammerspiele auftauchte, war das fürs Theaterpublikum doch eine schöne Überraschung.

Ein Vergnügen zu sehen, wie er in dem Liederabend "Männer" von Franz Wittenbrink als reifer Beau lässig über die Bande springt und mit einem vital gesungenen "Sexbomb" sich herrlich selbst auf die Schippe nimmt.

Das Theaterspielen verlernt man eben nicht, auch wenn man noch so lange hauptsächlich vor der Kamera und ansonsten fern von den großen Bühnen agiert. Fest engagiert war Miroslav Nemec zuletzt am Bayerischen Staatsschauspiel, als es noch von Frank Baumbauer geleitet wurde. Seitdem sind 20 Jahre vergangen.

Wie nun kam es zu diesem Engagement an Baumbauers Kammerspielen? Ist Nemec zu dem Freund aus alten Tagen gepilgert, um ihm zu sagen, dass er bei Wittenbrinks Liederabenden unbedingt einmal mitmachen wolle? Oder hat Wittenbrink, der gewiefte Musik-Ermöglicher für Schauspieler, ihn haben wollen, weil es so einen Typ Mann in Baumbauers Ensemble sonst nicht gibt?

"Sei nicht so bescheiden, so groß bist du nicht."

Miroslav Nemec

Alles ganz anders, lacht Nemec: "Ich war in der Stadt Sushi essen und schaute auf dem Weg nachmittags mal kurz beim Frank rauf, wie's ihm so geht. Im Laufe des Gesprächs fragte er mich, was ich im Mai mache, ob ich den Hamburger ,Männer’-Abend kennen würde, er wolle ihn in München herausbringen. Und er gab mir eine Videokassette. Die hat mir gut gefallen, ich traf den Wittenbrink, der ging mit mir ans Piano, probierte zwei Nummern, okay, gebongt."

Der Erfolg des Unternehmens freut Nemec doppelt, denn, so sagt er, "Freundschaft ist in Fragen von Engagements bei Baumbauer eher ein Hinderungsgrund". Dabei findet Nemec in aller Bescheidenheit, dass seine Fernseh-Popularität dem Theater ja auch nicht schaden könne. Womit er natürlich Recht hat. "Ich muss nur unter den Kollegen damit ordentlich umgehen, damit die nicht den Eindruck haben, ich würde den großen Zampano markieren."

Das aber tut Nemec weder auf der Bühne noch als Privatmensch in der Öffentlichkeit. Wenn auch im Restaurant nicht jede Frau an ihm vorbeikommt, ohne ihn zu fragen: "Heute mal nicht auf Verbrecherjagd?" So etwas fängt er mit Natürlichkeit und sportivem Charme höflich ab.

Miroslav Nemec ist ein Schauspieler von seltener Unabhängigkeit und Freiheit - Dank des "Tatorts", aber auch Dank seiner selbstverständlichen, uneitlen Persönlichkeit. Er muss nicht mehr für seine Biografie arbeiten. Wenn er jetzt für "Männer" zum Theater zurückgekehrt ist, ist in ihm ohne jegliche Karrieregedanken doch die Lust auf die Königsdisziplin seiner Branche frisch erwacht. Neu dabei: das Gefühl, dass es ihm vielleicht Spaß machen würde, mit Schauspielstudenten zu arbeiten: "Es ist wichtig, eine Atmosphäre zustande zu bringen, die es ermöglicht, ohne Eitelkeit Fehler zu riskieren." Wobei das mit der Eitelkeit auch wieder so eine Sache sei. Nemec zitiert den einem Schauspieler zugeworfenen Satz: "Sei nicht so bescheiden, so groß bist du nicht!"

Von Größe soll hier auch gar nicht die Rede sein. Dafür von Abhängigkeit. Von den Hierarchien im Theater, denen ein Schauspieler nach wie vor unterliegt: "Da geht's um die Existenz. Und um Macht." Doch dazu kann Miroslav Nemec nur weise lächeln: "Diese Bedeutung, die man sich gibt, hat die Sache doch gar nicht. Nur: Ich muss so spielen, als wäre es die bedeutendste Sache von der Welt. Sollte aber wissen, dass das in Wirklichkeit nicht so ist."

"Der Salzburger Jedermann - das ist ein gewisser Ehrgeiz von mir."

Miroslav Nemec

Beim Drehen sei das alles anders. Da gehe es weniger um Macht, da gehe es, zumindest in seinem Fall, "um mich. Und ich muss aufpassen, dass ich das nicht ausspiele." Hier gefällt ihm die Eigenverantwortung, die Mitsprache, das Schöpferische und die Tatsache, "dass alle gleichwertig sind", wenn er, wie jetzt gerade, zusammen mit Udo Wachtveitl und der "Tatort"-Redakteurin eine Komödie schreibt - "Die Copiloten". Im Juli beginnen die Dreharbeiten.

"Früher, als ich mit dem Fernsehen anfing, haben die Leute mich immer nur gewarnt: Verkomm' nicht, verbrauch' dich nicht. Alles Quatsch. Mich hat's bereichert." Auch oder gerade fürs Theater. Würde er sich denn frei nehmen vom Fernsehen für wochenlange Bühnenproben? "Warum nicht? Doch Theater ist für mich absolut luxuriös. Da müsste also alles stimmen: Stück, Rolle, Regisseur, Partner. So ein Erfolg hier an den Kammerspielen ist eine hohe Latte, die man sich setzt. Ich müsste mich also fragen: Trau ich mir's zu, riskier' ich's - mit der Möglichkeit, auf die Fresse zu fallen? Denn wenn schon scheitern, dann auf hohem Niveau."

Am liebsten würde er die Probe aufs Exempel in jener Stadt wagen, in der er einst Musik studiert hat - in Salzburg. Der Traum des Miroslav Nemec: der Jedermann. "Das wär' doch 'ne Sache. Das ist ein gewisser Ehrgeiz meinerseits. Ich muss mal mit Jürgen Flimm reden. Aber ich weiß, wenn Peter Simonischek irgendwann diese Rolle abgeben sollte, wartet schon der Moretti darauf."

Nächste Vorstellungen an den Kammerspielen: dieser Samstag sowie am 5., 27., 28. 7. - und: 9. 7. um 17 Uhr, anschließend Endspiel live.

Foto: Klaus Haag

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