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Michael Wollny.

Gespräch zum Filmkonzert

Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror

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Deutschlands Jazz-Hoffnung Michael Wollny improvisiert in München die Filmmusik zum Kinoklassiker „Nosferatu“. Die Faszination für das Unheimliche zieht sich durch seinen musikalischen Werdegang.

Ungefähr zehn Jahre war Michael Wollny alt, als er im Fernsehen zum ersten Mal „Nosferatu“ sah. Friedrich Wilhelm Murnaus Horror-Klassiker aus dem Jahr 1922 hat sich festgebrannt in Wollnys Erinnerung. Nicht nur, weil es ihn ordentlich gruselte, als Graf Orlok blutdürstig mit weißer Fratze und langen Krallen über die Türschwelle des Protagonisten Hutter schritt. Sondern auch wegen der verstörenden Filmmusik, in der damaligen Version komponiert von Hans Posegga. „Die hat einen Rieseneindruck bei mir hinterlassen“, sagt Wollny.

Michael Wollny ist mittlerweile 38 und wird von Kritikern als die große Hoffnung des deutschen Jazz gefeiert. Der in Schweinfurt geborene Ausnahmepianist war Mitglied des Bundesjazzorchesters, ist Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, sammelt einen Preis nach dem anderen ein und landet mit seinen Alben regelmäßig in den Charts. Weit oben. Als Jazzer.

Das Gruselige, das Unheimliche ist dem Künstler auf seinem Weg aber nie von der Seite gewichen. Am Freitag ist Wollny in München im Foyer der Versicherungskammer Bayern zu hören. Mit dem Schlagzeuger Eric Schaefer und Norwegens ältestem Orchester, dem Norske Blåseensemble, spielt er die Filmmusik zu, natürlich, Nosferatu.

Improvisation als Herausforderung

Max Schreck als Nosferatu.

Das Besondere: „Wir spielen frei.“ Kein Konzept, reine Improvisation. Das Auge zu 90 Prozent auf dem Bildschirm – das Ohr immer bei den Musikern. Fünfmal haben Wollny, Schaefer und das 25-köpfige Ensemble aus Norwegen dieses Projekt schon gespielt. „Es war jedes Mal komplett anders“, sagt Wollny. „Beim Stummfilm kann die Musik die ganze Handlung verändern. Das bedeutet natürlich eine große Freiheit für uns Musiker“, schwärmt der Pianist. Die Herausforderung ist das Zusammenspiel. „Von irgendwo kommt eine Idee – und ein anderer kann sie umdeuten. Ich kann etwa Hutter mit einem romantischen Motiv begleiten, und plötzlich kommt einer, der das ironisch oder humorvoll hinterfragt“, sagt Wollny. „Das macht es so spannend.“

Aus der Faszination für „Nosferatu“ entwickelte sich bei Michael Wollny eine Leidenschaft für den Horrorfilm. Das Unheimliche reizt ihn, es inspiriert ihn. Und es zieht sich durch seine Veröffentlichungen, die Namen wie „Hexentanz“ oder „Nachtfahrten“ tragen und mitunter aufregend finster klingen. „Ich glaube einfach, dass im Horror-Genre die spannendsten Geschichten erzählt werden“, sagt Wollny. Und darum geht es ihm bei seiner Musik vor allem. Er will neue Klänge finden. Und damit eine Geschichte schildern, einen Plot konstruieren. „Es ist ein guter Moment im Horrorkino, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird.“ Wollny sucht diese Momente auch in der Musik.

„Es ist nicht meine Aufgabe, eine Form zu erfüllen.“

Die Improvisation hat ihn dabei schon als Kind geprägt. Mit drei Jahren bastelte er erste Melodien am Klavier. Mit fünf bekam er Unterricht. Und seine Lehrerin ließ ihn probieren, nach dem Motto: „Auf den schwarzen Tasten gibt es keine falschen Töne“ – weil sie alle in der gleichen Tonart liegen. Dieses Motto hat Wollny auch auf sein Genre-Denken umgemünzt. Er lässt sich vom Jazz genauso inspirieren wie von elektronischer Musik, dem Pop, der Klassik und dem Punk. „Alle Menschen, mit denen ich Musik mache, sind nicht mehr dogmatisch auf ein Genre fixiert.“ Die Schublade, in die Wollny passt, muss erst noch gebaut werden. „Es ist nicht meine Aufgabe, eine Form zu erfüllen. Ich will reagieren.“ Und für diese Reaktion sucht sich Wollny interessante Partner.

Den Kontakt zu dem norwegischen Blas-Ensemble knüpfte der Komponist Geir Lysne. Wollny und Schaefer hatten „Nosferatu“ da bereits für einen Auftritt in Mannheim seziert und analysiert. Als Wollny erfuhr, dass die Norweger an einer Zusammenarbeit interessiert waren und sich ebenfalls mit „Nosferatu“ befasst hatten, sei klar gewesen, dass man den Klassiker gemeinsam anpacken werde.

Das Konzert in München ist Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung über Friedrich Wilhelm Murnau im Münchner Lenbachhaus. Die Hommage an den bedeutenden Filmregisseur (1888-1931) ist noch bis Sonntag zu sehen. Zum Abschluss der Schau wartet nun also eine Gruselgeschichte mit dem Hoffnungsträger des Jazz. Aber das hört Michael Wollny gar nicht so gerne: „Ach, ich glaube, es gibt viele Hoffnungen für den deutschen Jazz.“ Eine davon ist er ohne Zweifel.

Restkarten

am Freitag ab 18.30 Uhr an der Abendkasse im Foyer der Versicherungskammer Bayern, Warngauer Str. 30; freier Eintritt.

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