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Michel Houellebecq legt mit „Serotonin“ seinen siebten Roman vor.

Michel Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“

Houellebecqs Abgesang auf den weißen Mann

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Sex, EU-Bashing und jede Menge Alkohol: Michel Houellebecq bleibt seinen Themen auch in seinem neuen Roman treu. Doch geht es in „Serotonin“ um mehr?

Sind Sie Raucher? Dann wissen Sie, wie es ist, wenn das Nikotin sekundenschnell – Bämm! – an den Rezeptoren im Hirn hockt. „Eine simple und harte Droge“, heißt es in „Serotonin“, „die ganz vom Mangel und dem Abstellen des Mangels bestimmt ist“. Es mag die „perfekte Droge“ für den Körper sein, unbrauchbar ist sie jedoch fürs Seelenheil von Florent-Claude, dem Erzähler in Michel Houellebecqs neuem Roman. Mangel durchzieht das Leben des 46-Jährigen. Nicht ökonomisch, sondern emotional, sozial, und ja, auch spirituell.

Florent-Claude schluckt ein Antidepressivum, um alltagstauglich zu sein

Um der „unerträglichen Leere“ zu trotzen, nimmt Florent-Claude ein Antidepressivum, das den Serotoninhaushalt regelt. Zwar ist er alltagstauglich, doch geht die Libido flöten und macht der Impotenz Platz. Es ist nicht zu viel verraten, wenn man vermerkt, dass die „kleine weiße, ovale, teilbare Tablette“ zwar bremst, aber nichts verhindert. Am Ende wird der Protagonist in einem Zustand sein, „in dem sich das alternde, sterbende und sich vom Tod erfasst fühlende Tier ein Lager sucht, um sein Leben zu beschließen“.

Houellebecq bleibt also in „Serotonin“ seinem literarischen Hauptthema treu. Florent-Claude ist Variation und Wiedergänger etwa von Michel aus „Elementarteilchen“ (1998) oder des namenlosen Ich-Erzählers in „Ausweitung der Kampfzone“, dem Romandebüt des Autors von 1994. Am 7. Januar erscheint „Serotonin“ bei uns; in Frankreich wurde die Auslieferung auf Freitag vorverlegt. Denn an diesem Montag jährt sich zum vierten Mal der Tag des islamistischen Angriffs auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Am 7. Januar 2015 erschien auch „Unterwerfung“. In dieser bitteren Zukunftsvision erzählt Houellebecq, wie sich die Elite seiner Heimat allzu gerne in ein muslimisch regiertes Frankreich einordnet. Geld und Vielweiberei sind Argumente genug.

In Frankreich erschien „Serotonin“ bereits am 4. Januar.

In seinem siebten Roman kehrt der Schriftsteller nun zum Leiden des Einzelnen zurück. „Serotonin“ ist der Abgesang des alternden weißen Mannes. Ohne Eltern, Liebe, Gott kann Florent-Claude „die Komplexität der Welt (…) schlicht nicht mehr ertragen“. So weit, so Houellebecq. Vor allem im ersten Drittel entfaltet der 60-Jährige ein Panorama, das seine Leser kennen: Ein gutgeformter „Arsch“ hypnotisiert, Brüste werden notdürftig bedeckt. Frauen? Sind „Schlampen“ – außer Mutti und Camille, die große Liebe des Protagonisten, die er mit einem Seitensprung verzockte. Die EU? Eine „alte Schlampe“. Holländer? Sie ahnen es. Es gibt eine Nudistenkolonie, ein bisschen Porno, ein bisschen politisch Anrüchiges (Lob für Franco), Sodomie (grotesk), Pädophilie (kaum erträglich). Kurz, Houellebecq öffnet seinen literarischen Werkzeugkoffer: Seht her, damit arbeite ich.

Ein Mercedes G 350 ist die letzte Sicherheit der Hauptfigur

Dann stößt er zum Eigentlichen vor. Florent-Claude verschwindet aus seinem bisherigen Leben, kündigt den Job im Agrarministerium, verlässt die Geliebte (eine „Schlampe“, was sonst?). Wir folgen ihm im Mercedes G 350 in die Provinz, auch sie ein Topos im Werk des Franzosen. Der Geländewagen – ein Diesel natürlich, der Erzähler hasst Umweltbewusstsein ebenso wie die Globalisierung, den Liberalismus, die EU – ist eine letzte Sicherheit. Gebaut wurde er in den Neunzigern, als der Nationalstaat noch stark und Brüssel schwach war. Ein Fossil sind heute Auto wie Fahrer, und zuletzt steht der Wagen in der Tiefgarage eines Hochhauses. „Trauriges Ende“, „Freiheitsentzug“...

Es wirkt, als nimmt Houellebecq die „Gelbwesten“ vorweg 

In der Normandie trifft Florent-Claude einen Studienfreund. Am Beispiel dieses Aymeric erzählt Houellebecq vom Überlebenskampf der Milchbauern, die im europäischen Wettbewerb dem Untergang entgegenrutschen. Mit Aymeric schafft der Autor aber auch den Gegenentwurf zu seinem Protagonisten. Dieser Mann, „zu allem bereit“, errichtet mit Kollegen Barrikaden auf der Autobahn. Es  ist, als seien hier die Proteste der „Gilets jaunes“ vorweggenommen. Die „Gelbwesten“ besetzen seit November Frankreichs Straßen aus Protest gegen geplante Steuererhöhungen. Während Aymeric also das Heil in der Tat sucht, selbstbestimmt bis zum Ende, bleibt Florent-Claude Beobachter.

Deep Purples „Child in Time“ 

Wozu soll er einen „bezwungenen alten Mann“ retten? Nicht nur politisch, auch privat lässt Houellebecq seine Figur am Rand: Der Besuch bei Ex-Geliebten bestätigt nur, dass es denen auch schlecht geht. Bei Camille wagt er nicht einmal die Kontaktaufnahme, weder im Guten noch im Bösen. Houellebecq schreibt prägnant, mikroskopisch. Wie immer beobachtet er genau und ergänzt seine langen Sätze gerne um noch ein Detail, noch eine Erklärung. Wer sich auf den Stil einlässt, hat Vergnügen. Mitunter blitzt in „Serotonin“ lakonischer Humor auf – etwa, wenn die technische Betrachtung des Blowjobs mit lateinischen Wendungen durchwirkt ist. Wir lesen aber auch das zärtliche Porträt der bedingungslosen, ach was: heiligen, Liebe zwischen Florent-Claudes Eltern und die großartige Episode über eine Live-Aufnahme von Deep Purples „Child in Time“. So viel Musik ist selten in der Gegenwartsliteratur. Dieser Song empfiehlt dem Sünder: „Bow your Head/ wait for the ricochet“. Neige den Kopf, warte auf den Querschläger. Houellebecqs „Kind der Zeit“ macht es genauso – „bis nichts mehr das Abgleiten“ verhindert. Und das ist tieftraurig.

Informationen zum Buch:

Michel Houellebecq: „Serotonin“. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. Dumont, Köln, 336 Seiten; 24 Euro.

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