Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq
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Michel Houellebecq hat soeben den Essayband „Ein bisschen schlechter“ veröffentlicht.

Neuerscheinung: „Ein bisschen schlechter“ von Michel Houellebecq

Michel Houellebecq: „Trump ist ein guter Präsident“ – und ein „Clown“

  • Michael Schleicher
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Michel Houellebecq schreibt in seinem neuen Essayband „Ein bisschen schlechter“ über Trump, Corona und Sterbehilfe.

  • Das neue Buch von Michel Houellebecq heißt „Ein bisschen schlechter“ und ist soeben erschienen.
  • Der französische Autor („Unterwerfung“, „Elementarteilchen“) hat hier elf Texte zum Zeitgeschehen versammelt.
  • Houellebecq schreibt über Donald Trump, die Corona-Pandemie und den „Fall Vincent Lambert“.

Natürlich wirkt der Text heute aus der Zeit gefallen: Unter dem Titel „Donald Trump ist ein guter Präsident“ schrieb Michel Houellebecq im Januar 2019 fürs „Harper’s Magazine“. Jetzt ist dieser Artikel im neuen Buch des Franzosen erschienen. „Ein bisschen schlechter“ versammelt elf Beiträge zum Zeitgeschehen, zur Literatur, zu Fragen des Glaubens; darunter sind auch vier Interviews. Die deutsche Übersetzung bietet eine Auswahl der mehr als 460-seitigen Originalausgabe, die im Oktober in Frankreich herauskam.

Trump sei ein „haarsträubender Clown“

Am Trump-Kommentar lässt sich ablesen, wie Houellebecq arbeitet, der zuletzt den Roman „Serotonin“ vorgelegt hat: Wer auf die Provokation hereinfällt, ist selbst schuld. Dieser Schriftsteller fordert eine differenzierte Betrachtung. Gleich zu Beginn schreibt er etwa über seine Anteilnahme an der „Scham, die viele Amerikaner (und nicht nur ,New Yorker Intellektuelle‘) dabei empfinden, von einem so haarsträubenden Clown regiert zu werden“. Später wird er noch deutlicher.

„Einer der besten Präsidenten, die Amerika je hatte.“ Houellebecq über Donald Trump.

Lob bekommt der scheidende US-Präsident von Houellebecq indes für seine Zurückhaltung bei außenpolitischen Interventionen. „Trump verfolgt Obamas Politik des Rückzugs weiter, und er verstärkt sie noch; das ist eine sehr gute Nachricht für den Rest der Welt.“ Zudem gefällt dem 62-Jährigen die Wirtschaftspolitik des Republikaners („weltweite Handelsfreiheit“ sei „nicht das A und O des menschlichen Fortschritts“) sowie die Tatsache, dass Trump mit Putin im Gespräch bleibe. Dass es ihm obendrein eventuell gelungen sei, „den wahnsinnigen Nordkoreaner zu zähmen“, findet der Franzose „einfach spitzenmäßig“. All das war Anfang 2019 kaum provokativ, sondern vielmehr Debattenstand.

Houellebecq-Leser werden in diesen „Neuen Interventionen“ viel Bekanntes entdecken. Vergnügen bereitet das Nachdenken des Autors über den Konservatismus: Der könne „ebenso eine Quelle des Fortschritts sein, wie die Faulheit die Mutter der Effizienz ist“. Im Gespräch für die Zeitschrift „Revue des Deux Mondes“ hat er festgestellt: „Ich weiß nicht, ob ich konservativ bin, aber ich glaube nicht, dass der Mensch – ebenso wie die anderen Tiere – für das Leben in einer sich ständig verändernden Welt gemacht ist.“

Houellebecq hat bei „Let it be“ von den Beatles geweint

Mitunter etwas ermüdend sind Houellebecqs Lektüre-Eindrücke religiöser und philosophischer Texte; deren Auswirkungen auf sein Schaffen dürften wohl wirklich nur Hardcore-Fans und die Literaturwissenschaft interessieren. In einigen Interviews blitzt dagegen Privates, Profanes auf: Beim Hören von „Let it be“ hat er ebenso geweint wie bei Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“. Ach ja.

Houellebecq macht sich für die Freiheit der Kunst stark

Dankenswert klar ist auch in diesem Buch Houellebecqs Plädoyer für die Kunstfreiheit: „Man muss arbeiten können, ohne Angst vor Zensur zu haben. Das Verbot ist eine Mechanik, die nie zum Stehen kommt.“ Daran kann nicht oft genug erinnert werden. Zur aktuellen Pandemie fallen ihm dagegen nur zwei Aspekte ein: Corona beschleunige die Abnahme zwischenmenschlicher Beziehungen, befürchtet er. Das Virus liefere dieser „beklemmenden Tendenz eine wunderbare Daseinsberechtigung“. Zudem sei noch nie mit einer „so gelassenen Schamlosigkeit“ darüber gesprochen worden, dass nicht jedes Leben den gleichen Wert habe; „dass es von einem gewissen Alter an (70, 75, 80 Jahre?) in etwa so ist, als wäre man bereits tot“. Folgerichtig schließt daran der stärkste, persönlichste und kämpferischste Text an.

„Den Fall Vincent Lambert hätte es nicht geben dürfen“: der Wachkoma-Patient und seine Mutter 2014.

Auf jenen zehn Seiten argumentiert Houellebecq klar und voller Empathie, warum es 2019 den „Fall Vincent Lambert“ nicht hätte geben dürfen. Damals starb nach jahrelangem Rechtsstreit der Patient, der seit 2008 im Wachkoma lag: Die Ärzte hatten die künstliche Ernährung eingestellt. Seine Frau hatte dies befürwortet, die Eltern wollten es verhindern. Für Houellebecq ist Lamberts Tod ein Skandal – der junge Mann sei nicht am Ende des Lebens gewesen, sondern habe zu den Invaliden gezählt. „Und es stellt sich allein die Frage, ob unsere Gesellschaft die Pflicht hat, sich ihrer anzunehmen, sie zu behandeln und ihnen, wo eine Verbesserung ihres Zustands nicht möglich ist, ein Lebensumfeld zu bieten. Die Antwort auf diese Frage lautet aus offensichtlichen moralischen Gründen ,ja‘ (und wenn unsere Gesellschaft sie irgendwann verneinen würde, müsste ich mich in diesem Augenblick von ihr trennen.).“ Derart mitfühlend hat man den Mann, der vielen noch immer als Zyniker gilt, selten erlebt.

Informationen zum Buch:

Michel Houellebecq: „Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen“. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. DuMont Verlag,

Köln, 200 Seiten; 23 Euro.

Lesen Sie hier unsere Kritik zu Houellebecqs Roman „Unterwerfung“. Hier finden Sie den Text zur ARD-Verfilmung.

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