In der Pariser Universität Sorbonne könnte bald nicht mehr Präsident Francois Hollande sprechen, sondern ein islamischer Nachfolger - davon jedenfalls geht Autor Michel Houellebecq in "Unterwerfung" aus.

Neuerscheinung "Unterwerfung"

Michel Houellebecq: Mit wissenschaftlicher Kühle

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Paris - Michel Houellebecqs heftig diskutierter Roman „Unterwerfung“ ist es wert, als Literatur wahrgenommen zu werden.

Eine Pause. Die brauchte es nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ und auf einen koscheren Supermarkt in Paris. Am 7. Januar, als islamistische Terroristen elf Menschen in der Redaktion des Satiremagazins ermordeten und auf ihrer Flucht einen weiteren Mann hinrichteten, erschien in Frankreich der neue Roman von Michel Houellebecq. „Unterwerfung“ erzählt, wie im Jahr 2022 der erste Muslim an die Spitze des Staats gewählt wird, der in der Folge das Land nach den Regeln des Islams umbaut. Die unglückselige Parallelität von Erstverkaufstag und Attentaten hatte zur Folge, dass das Buch vor allem gesellschaftspolitisch rezipiert wurde. Schnell war der Vorwurf in der Welt, der Roman sei islamophob. Das ist er nicht. Vielleicht kann „Unterwerfung“ nun, mit etwas Distanz zu den Verbrechen, als Literatur wahrgenommen und diskutiert werden. Buch und Autor haben es verdient.

Michel Houellebecq

Nach seinem soghaften „Karte und Gebiet“ (2010) etabliert Houellebecq, Jahrgang 1958, in „Unterwerfung“ gewissenhaft, doch manchmal weitschweifig die Geschichte: Der Literaturwissenschaftler François forscht im Jahr 2022 in Paris über den Schriftsteller Joris-Karl Huysmans (1848–1907); es ist seine einzige wirkliche Leidenschaft. Politisch uninteressiert, wird François Zeuge, wie sich die etablierten Parteien, Sozialisten und die konservative UMP, verständigen, den Bewerber der (fiktiven) Bruderschaft der Muslime bei der Präsidentschaftswahl zu unterstützen. So soll der Einzug Marine Le Pens vom rechtsextremen Front National in den Élysée-Palast verhindert werden. Mohammed Ben Abbes, im Auftreten alles andere als ein Gotteskrieger, wird durch diesen Schachzug tatsächlich Staatspräsident. Gewissenhaft protokolliert François die fortschreitende Islamisierung Frankreichs. So muss er sich etwa mit der Frage auseinandersetzen, ob er zum Islam konvertieren soll, da er sonst nicht an der Islamischen Universität Paris-Sorbonne lehren darf. Parallel zu den äußeren Umwälzungen und als deren Spiegel erleben wir den Protagonisten als Mann, der im „liberalen Individualismus“ der westlichen Demokratien keinen Lebenssinn (mehr) entdecken kann. Dem jedoch auch die Kraft zum Kurswechsel oder zum Suizid fehlt. In dieser Diagnose ist François eine typische Houellebecq-Figur.

Eine Stärke des Romans, der in fünf umfangreiche Kapitel unterteilt und zeitweise im Stil eines Tagebuchs geschrieben ist, gründet in der Klugheit, mit der das Szenario entwickelt wird: „Unterwerfung“ ist in der politischen Ausgestaltung weder Satire noch Persiflage, sondern einleuchtend, glaubwürdig. Das macht die Lektüre spannend. Houellebecq hat sensibel Ängste der Gegenwart aufgespürt – und fiktional weitergesponnen. Einen Ausweg bietet er nicht, weder für François noch für Europa. Die Unterwerfung unter den Islam – hier ist sie tatsächlich alternativlos. Der Autor kommentiert das kaum; er berichtet vielmehr lakonisch, was sich wie ändert – als ginge seinen Erzähler all das nichts an. François’ Distanz, mag sie aus Saturiertheit, mag sie aus Desinteresse rühren, ist das wirklich Erschreckende dieser Geschichte.

Komik gestattet sich Houellebecq nur selten: Da bemerkt François etwa mit wissenschaftlichem Ernst, dass es offenbar einen Zusammenhang gibt zwischen dem Aussterben alter Handwerksberufe und dem Verschwinden „sexueller Spezialitäten“, die in Bordellen der Belle Époque Standard waren. Bissig ist das Buch immer dann, wenn der Autor jene (selbsternannten) Eliten von links bis rechts bloßstellt, die – gelockt von Vielweiberei oder Gehaltssprung – nicht schnell genug ihre Verbundenheit mit dem neuen Präsidenten demonstrieren können: willige Kollaboration überall. Hat Robert Rediger, der einst weit rechts stand und heute Präsident der Islamischen Universität von Paris ist, etwa Recht, wenn er bemerkt, das größte Glück des Menschen liege in der Unterwerfung? Sinnigerweise erläutert Rediger diesen Gedanken just in dem Haus, in dem Dominique Aury die „Geschichte der O“ (1954) geschrieben hat; jenen Roman, der von der (sexuellen) Unterwerfung der Frau unter den Mann erzählt. Es sind Anspielungen wie diese, die für Lesegenuss sorgen. „Unterwerfung“ ist reich an Bezügen auf Historie und Metaphysik, auf Religions-, Literatur- und Geistesgeschichte. Das macht Houellebecqs Versuchsanordnung auch unterhaltsam, die er ansonsten mit wissenschaftlicher Kühle auf die Spur gebracht hat, und deren weiteren Verlauf er unbeeindruckt beobachtet. Ergebnisse, Antworten gar sollte indes niemand erwarten. „Unterwerfung“ ist schließlich ein Roman und kein Leitartikel. Für alle, die das übersehen sollten, hat Houellebecq Hinweise eingebaut: „Sehen Sie, es ist im Moment schwierig zu sagen, was möglich ist und was nicht“, sagt etwa an einer Stelle ein Kollege zu François über die politische Lage. „Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Idiot oder ein Lügner.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Information

Michel Houellebecq: „Unterwerfung“. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. Dumont, Köln, 272 Seiten; 22,99 Euro.

Am Dienstag diskutieren der Literaturwissenschaftler Clemens Pornschlegel, der Islamwissenschaftler Erdal Toprakyaran und der Journalist Tilman Krause im Münchner Literaturhaus über das Buch, Beginn 20 Uhr; Karten unter Telefon: 089/ 29 19 34 27.

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