Michelangelo Antonioni, der Regie-Meister

München - Mit Michelangelo Antonioni (94) starb - am gleichen Tag wie Ingmar Bergman - noch einer der größten Filmregisseure unserer Zeit.

Er war der Regisseur des Nichtmitteilbaren und der Verweigerung: Die Landschaften sehen bei ihm so streng und kahl aus wie von Menschen gemachte Architektur, die Gebäude wie Steine, wie vulkanische Wüsten, wie tote Pflanzen. Auch die Menschen gerinnen in Antonionis Filmen zu Objekten und Zeichen, und mit jedem seiner Filme scheint sich dieser Regisseur etwas mehr von der Welt zu lösen, etwas stärker ins Reich des Symbolischen vorzudringen. Ein Sound der Apokalypse durchströmt untergründig alle Filme von Michelangelo Antonioni, dem nun gestorbenen, 1912 in Ferrara geborenen Regie-Meister.

Nur wenige haben das Kino so geprägt wie Antonioni, der seit einem Schlaganfall in den 80er-Jahren kaum noch an die Öffentlichkeit trat. Mit 38 drehte er seinen ersten Spielfilm, ein spätes Debüt. Zuvor schrieb der Sohn aus großbürgerlichem Haus Filmkritiken, arbeitete unter Mussolini bei Zeitungen, in denen sich der antifaschistische Widerstand zusammenfand.

Antonioni ist nicht der Erfinder des "Neorealismus", aber er wurde einer seiner wichtigsten Vertreter. Er stellte fast immer Frauen ins Zentrum seiner Werke: zuerst Lucia Bosè, dann Monica Vitti, mit der er auch verheiratet war, daneben Jeanne Moreau und Maria Schneider. Die Geschichten spielen meist in besseren Kreisen. In ihnen schaufelt sich das Bürgertum sein Grab durch Misstrauen, Neid und Überdruss. Antonionis Wirkung war seit den späten 50ern auf Filmemacher und Kritiker magnetisch, in ihren Resultaten revolutionär. Ihr Geheimnis liegt in seinem Stil: Lakonik, konzentrierte Langsamkeit der Einstellungen, vor allem das einsame Land. Leer und rein ist alles in diesem Kino. Eine sichere, aber öde, ordentliche, aber tote Welt aus Entfremdung und Einsamkeit. Existenzialistische Lebensgefühle und Bilder von befremdender Schönheit.

Sein schönster Film bleibt "La Notte" (1962): Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau sind Gäste einer exklusiven Party, auf der Menschen einander die Masken von der Seele reißen - worauf nur eine neue zutage tritt. Seinen größten Erfolg erlebte der Regisseur mit "Blow Up": Ein Fotograf dokumentiert mit der Kamera zufällig einen möglichen Mord. Das erzeugt Hitze in seinem Leben, Neugierde wird zu Besessenheit; zugleich feiert der Film das Swinging London 1966. In seinen letzten Filmen, dem großen Spätwerk "Beruf: Reporter" und "Identifikationen einer Frau", ist Antonioni tief pessimistisch in Bezug auf das Individuum. Nichts scheint heute fremder als solche Filme, als diese Verbindung von Schönheit, Analyse und Wahrhaftigkeit. Und nichts nötiger.

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