Mickymaus putscht

- Frage: Was kommt dabei heraus, wenn Mickymaus und die Keystone Cops einen Staatsstreich verüben? Antwort: die derzeitigen Verhältnisse in den USA. Das oder Ähnliches behauptet zumindest Kurt Vonnegut (Jahrgang 1922) in seinem neuen Buch "Mann ohne Land". Ein wildes Sammelsurium altersweiser Gedanken, angesiedelt irgendwo zwischen Essay, politischem Sachbuch und Autobiografie, dessen deutsche Ausgabe nun in der Übersetzung von Harry Rowohlt erschienen ist.

"America-bashing" einmal anders. Diesmal sind es nicht humorlose Politiker europäischer Oppositionsparteien, die mit Betroffenheitsknallerbsen nach der Bush-Regierung schmeißen, und auch nicht Michael Moore, der gerne zur "Atombombe" greift, wenn er sein Vaterland kritisieren will. Es ist Kurt Vonnegut, und seine Waffe ist die Feder. Er hat sie diesmal so gut gespitzt, dass er mit ihr morden könnte. "Mann ohne Land" - schon beim ersten Durchblättern als echter "Vonnegut" erkennbar. Kurze, aperç¸uhafte Abschnitte, eingestreute Gedichte und Kritzeleien ergeben ein brillantes Chaos.

Wie Billy Pilgrim, der Held seines Romanklassikers "Schlachthof 5" in der Zeit umherspringt, hüpft Vonnegut in seinem neuen Buch von einer gedanklichen Ebene zur nächsten, mengt Familiäres mit Politischem, lässt sich im selben Satz über Mark Twain und Al Qaida aus. Eine "leicht bescheuerte Frau aus Ypsilanti" kommt ebenso zu Wort wie mauvefarbene Marsmenschen, die, Gott sei Dank, "nur obdachlose Männer, Frauen und Kinder aller Farben fressen und Benzin pinkeln". Also kein Grund zur Panik.

Kurt Vonnegut denkt mit seinen 83 Jahren nicht im Traum daran, die Realität schön zu reden, insbesondere nicht die amerikanische. Doch bei aller Schnodderigkeit bewahrt er sich die Gelassenheit des Philosophen und überlässt das Geifern den Jüngeren.

Kurt Vonnegut: "Mann ohne Land". Aus dem Amerikanischen Harry Rowohlt. Pendo Verlag, München und Zürich, 176 Seiten; 16,90 Euro.

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