Die Milch der Denkmaschine

- Seinen 100. Geburtstag gilt es zu feiern. Vor allem in seiner spanischen Heimat hat man sich mit zahlreichen Ausstellungen zu Salvador Dalí´s heutigem Jubeltag gerüstet. Aber nur unserer Zeitung gewährte der malende Exzentriker ein Interview - obwohl er bereits am 23. Januar 1989 in die himmlischen Gefilde enteilt ist. Aber was zählt das schon bei einem wahren Surrealisten!

<P>Ihre Selbststilisierung ist ziemlich auffällig. Entwickelten Sie sie schon zu Studenten-Zeiten?<BR><BR>Dalí: Ich hatte mir in dem teuersten Geschäft, das ich in Madrid finden konnte, den teuersten Sportanzug gekauft, und ich trug ein himmelblaues Seidenhemd und Manschettenknöpfe mit Saphiren. Ich hatte drei Stunden darauf verwandt, meine Haare zu glätten, die ich mit einer sehr klebrigen Brillantine getränkt und dann mit Hilfe eines speziellen Haarnetzes gelegt hatte. Danach hatte ich mein Haar zusätzlich mit echtem Firnis lackiert. Nichtsdestoweniger stand jetzt meine Eignung zum Dandy definitiv fest.<BR><BR>Viele Künstler kritisieren die Mächtigen. Wie stehen Sie selbst zu dieser Frage?<BR><BR>Dalí: Herrscher sollten sich darauf beschränken, ihre Macht mit einem Höchstmaß an Autorität auszuüben; und das Volk solle diese Herrscher entweder stürzen oder sich ihnen unterwerfen. Jedoch es gibt auch, füge ich hinzu, eine utopische, aber verführerische Möglichkeit - einen anarchistischen absoluten König. Ludwig II. von Bayern war schließlich gar nicht so übel!<BR><BR>Politisch wollten Sie sich nie festlegen.<BR><BR>Dalí: Der Spanische Bürgerkrieg änderte keine meiner Ideen. Ekel und Abscheu vor jeder Art von Revolution nahmen bei mir fast pathologische Züge an. Aber ich wollte nicht, dass man mich einen Reaktionär nannte. Ich glaube weder an die kommunistische Revolution noch an die nationalsozialistische . . . Ich glaube nur an die oberste Wirklichkeit der Tradition.<BR><BR>Aber Sie malten "Das Rätsel Hitler"!<BR><BR>Dalí: Dies Bild schien mir von prophetischem Wert, insofern es das neue Mittelalter ankündigte, das seinen Schatten über Europa zu werfen begann.<BR><BR>Sie sind der bekannteste Surrealist. Hatten aber auch Ärger mit der Surrealisten-Gruppe.<BR><BR>Dalí: Wer waren meine Feinde? Jeder, oder fast jeder, außer Gala. Alles, was sich zur modernen Kunst rechnete, auch in Surrealistenkreisen, war, alarmiert von der zersetzenden und zerstörerischen Macht, die ich plötzlich darstellte, zu den Waffen geeilt. Zum einen war mein Werk gewaltsam und kühn, unverständlich, verwirrend, subversiv. Zum anderen war es keine "junge", moderne Kunst . . . Mein Kreuzzug galt der Verteidigung der griechisch-römischen Kultur.<BR><BR>Sie haben Ihre Freunde ziemlich provoziert . . .<BR><BR>Dalí: Die innere Krise des Surrealismus spitzte sich zu, als ich anregte, eine "Denkmaschine" zu bauen, die aus einem Schaukelstuhl bestand, an dem zahlreiche Gläser mit warmer Milch hängen sollten, woraufhin Aragon vor Empörung aufbrauste: "Schluss jetzt mit Dalís Hirngespinsten! Warme Milch ist für die Kinder der Arbeitslosen!" Breton, der in der mit den Kommunisten sympathisierenden Clique eine "obskurantistische" Gefahr zu erkennen meinte, beschloss, Aragon und seine Anhänger - Buñ~uel, Unic, Sadoul und andere - aus der Surrealistengruppe  auszustoßen.<BR><BR>Sie sagten sich von dieser Kunstströmung los. Was war Ihr Ziel?<BR><BR>Dalí: Mein surrealistischer Ruhm war wertlos. Ich musste den Surrealismus in die Tradition einfügen. Meine Einbildungskraft musste wieder klassisch werden. Gala bewies mir mit tausend begeisterten, glühend gläubigen Argumenten, dass ich etwas anderes werden könnte als "der berühmteste Surrealist", der ich war.<BR><BR>Sie erwähnen immer wieder Gala, Ihre Frau. Ist sie die wichtigste Person in Ihrem Leben?<BR><BR>Dalí: Wer, sie? Gala, Éluards Frau. S i e war es! Galuschka Rediviva! Sie hielt mich für ein Genie - zwar halb verrückt, doch innerlich stark. Und sie suchte etwas - etwas, das die Erfüllung ihres Mythos wäre. Und dies Gesuchte war etwas, von dem sie nun glaubte, dass wohl nur ich es geben könnte! Sie sagte: "Mein kleiner Junge! Wir werden einander nie mehr verlassen." Sie war dazu ausersehen, meine Gradiva zu sein, "die Vorwärtsschreitende", meine Siegesgöttin, meine Frau.<BR><BR>Sie sagen, Sie seien Galas Mythos. Was ist Ihr Mythos?<BR><BR>Dalí: Immer habe ich mit dem Tod begonnen, um den Tod zu vermeiden. Tod und Auferstehung, Revolution und Renaissance - dies sind die Dalí'schen Mythen meiner Tradition.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P><P>Die Zitate sind entnommen aus Dalís Autobiografie "Das geheime Leben des Salvador Dalí".<BR></P><P> </P>

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