Nur milder Klassiker-Druck

- Geben wir's zu: Im Falle "Hamlet" ist unser Kopf durch die großen Aufführungen, die größten Schauspieler besetzt. Da stutzt man schon, wenn die Bayerische Theaterakademie diese komplexe Tragödie eines Entscheidungsschwachen gleich zweimal stemmt. Nach Regie-Studentin Nilufar Münzing mit ihrem Shakespeare-Heiner-Müller-Verschnitt hat jetzt Schauspiel-Leiter Jochen Schölch für den 3. Jahrgang den Text verschlichtend bearbeitet, im Titel den eigenen Entscheidungs-Kampf mit anklingen lassen: "Hamlet oder nicht Hamlet, das ist hier die Frage" (Münchner Akademietheater).

<P class=MsoNormal>Aber gerade das Ding mit der Entscheidungs-Problematik - im Programmheft doch als zentrales Thema klug abgehandelt -, schien Schölch offensichtlich hier zu knifflig. Bei ihm ist Hamlet, auch mit Mädchenkleid über den Edeljeans und verhüllender Wollmütze (Kostüme: Christl Wein) ein junges, sexuell noch unentschiedenes oder gerade erwachendes Geschöpf, von daher um so mehr verletzt durch den schnellen Bettwechsel seiner Mutter. Die knabenhafte Lena Dörrie spielt das mit großer Überzeugung, hält die Form ihrer Figur durch, was nicht allen gelingt. Der Regisseur hat zwar schon im Text Pathos weggeschliffen. Ist aber noch genug Blankvers übrig. Und der wird streckenweise nolens volens studentisch deklamiert.</P><P class=MsoNormal>Der Schurke überlebt</P><P class=MsoNormal>Schölch, der sich vor Jahren schon im Teamtheater an dem Stoff gewetzt, in seinem Freimanner Metropol die Fantasie-Mittel des armen Theaters noch verfeinert hat, weiß jedoch, ganz ohne Klassiker-Druck, seine Jungschauspieler abzustützen: Auf dem breiten nach hinten oben als Lichtbahn - für das Schattenbild des Vater-Geistes - verlängerten Königsteppich geben sie, aufgereiht auf hochlehnigen Stühlen, im Chor die Geisterstimme, macht Gertrud (Esther Kuhn) am Mikro die schlüpfrige Diseuse und Freund Rosenkranz (Golo Euler), zwecks Darsteller-Einsparung, noch den feschen Schauspieler und brilliert mit Hamlet im zünftigen Pop-Duett "Mein Prinz". Das vergnügt.</P><P class=MsoNormal>Schließlich Fechtkampf mit langen Schirmen. Aufgespannt funktionieren sie für Ophelias (Birthe Wolter) feuchtes Begräbnis. Und wenn am Schluss fast alle tot sind, wiederholt Claudius (Anas Ouriaghli) die gleichen Trauerworte wie zu Beginn für Hamlets Vater. Die Message: Der Schurke überlebt - "the show must go on". </P>1., 3., 5., 15.-19. Februar, 12.- 16. April, nochmals im November, jeweils 20 Uhr, für Theater + Schule 1. und 17. 2., 10.30 Uhr.

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