Militärische Posen

- "Es waren einmal die Twin Towers. Von Babel. Im Irak." In unseren Köpfen verschwimmen die so genannten Schreckensbilder der Medien, vermischen sich die zu Slogans gewordenen Schlagzeilen. Serbien, Afghanistan, Irak - ihr gemeinsamer Nenner ist der Krieg.

<P>Es ist keine leichte Aufgabe, der sich George Froscher und Kurt Bildstein in ihrer neuen Produktion des Freien Theaters München (FTM) gestellt haben. Die Schwierigkeit, politische Versatzstücke auf eine Bühne zu bringen - vor allem seit dem 11. September 2001 vielfach geschehen und nicht selten gescheitert -, liegt in der kurzlebigen Brisanz der Ereignisse, in deren rascher Abnutzung durch die Medienberichterstattung. Theater aber ist meist kein Ad-hoc-Spiel, es braucht Zeit; politisches Theater, das den Anspruch hat, aktuell zu sein, muss ungewöhnlich schnell arbeiten. Oder so originell und intelligent sein, dass es auch später Aspekte und Parallelen entdeckt und beleuchtet, die bisher ungesehen blieben. Eine Sprache und Ausdruckskraft entwickelt, die geeignet erscheinen, den übersättigten Zuschauer zu packen und von Neuem zu erschüttern.<BR><BR>In "Eternal Vacation. Always Brightness in Life" ist dies gelungen. George Froscher hat einen Zugang gefunden - unter anderem über Texte von Jelinek, Brasch oder Jordan -, der thematisch über Zeit(losigkeit) und Arbeit(slosigkeit) zum Krieg gelangt. "Erst wenn die Arbeit aufhört, beginnt der Mensch." Von Szenen aus eindringlicher Proklamation und exaktem chorischen Sprechen führt Froscher den Zuschauer in Video- und Klanginstallationen, Bilder und Töne des Krieges. In etlichen Variationen im multifunktionalen Theaterraum (i-Camp) umspielt das junge neunköpfige Ensemble den Zuschauer, imaginiert die vielstimmige Wirklichkeit.<BR><BR>Dabei liegt die Stärke der Produktion darin, dass sie sich nicht in einem abwägenden Für und Wider verläuft, sondern eine klare, eine ironisch beschönigende Position durchhält: die des Täters, stets seiner selbst, doch keiner Schuld bewusst, eine traumatisierte Generation. Nicht aus dem Kopf gehen einem vor allem die besondere Körperspannung und Sprechtechnik der Schauspieler: tänzerische Posen, die wie die Positionen beim Militär wechseln, Worte, die wie die Schüsse von Maschinengewehren wirken.</P><P>Bis 3. 7., Tel. 089/ 65 00 00.</P>

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