Mit Millionen aus dem Westen

Dresden verspielt Weltkulturrebe: - Man stelle sich vor: Um den störungsfreien Empfang zu garantieren, wird in direkter Nachbarschaft der bayerischen Wieskirche ein Handy-Mast aufgestellt. Undenkbar? Das wohl nicht. Denn wie uns das Beispiel Dresden und das Elbtal lehrt, lauert die Gefahr überall, historisch, baulich oder landschaftlich Einmaliges durch so genannte Nützlichkeitsbeschlüsse zu zerstören.

Wenn also, wie zu befürchten ist, demnächst auf der Höhe des Waldschlösschens die Bagger anrollen und trotz nationaler sowie internationaler Proteste mit dem Brückenbau über die Elbe begonnen wird, verliert Dresden den erst 2004 von der Unesco zugesprochenen Status einer Weltkulturerbe-Stätte.

Das ist nicht nur eine Sache, die die Dresdner etwas angeht. Das ist ein Problem, das ganz Deutschland betrifft und die kommenden Generationen. Denn wem gehört die Landschaft? Wem der freie Blick auf die Elbhänge? Doch nicht nur den Sachsen. Das ist gesamtdeutsches Gut. Und laut Unesco-Statuten sind die ausgezeichneten Stätten dem "Erbe der Menschheit" zuzurechnen.

Das Elbpanorama, das Dresden zu einem einmaligen europäischen Juwel werden ließ, müsste unter die Obhut des Bundes gestellt werden. Nur so ließe sich vermutlich noch verhindern, dass mit dem Brückenbau jener Unsinn vollzogen wird, den 1996 der Stadtrat und 2005 ein kommunaler Bürgerentscheid beschlossen haben. Vollkommen ohne Gefühl für die Tatsache, dass nur mit einem Millionenaufwand die Stadt ihr Image als "Perle des Barock" zurückerlangen konnte.

Dass Dresden sich nun selbst verschandeln will, ist umso mehr von bundesweitem Interesse, da diese nach der Wende in die Sanierung der Stadt geflossenen Millionen aus dem Westen kamen. Der gab sie im Bewusstsein dafür, dass sich das internationale Renommee von Sachsens Hauptstadt einzig auf die ideale Verquickung von Kunst und Landschaft gründet. Diese fast utopisch anmutende Einheit ist der Grund, warum Menschen in Scharen in die Elbmetropole pilgern.

Doch das 160 Millionen Euro-Projekt der neuen Brücke, wenn es denn verwirklicht werden sollte, würde nachhaltig und an prominentester Stelle den internationalen Ruf Deutschlands als Kulturstaat beschädigen, ja, in Frage stellen. In Köln und in Eisenach, wo man durch den Bau von umstrittenen Hochhaus- bzw. Windanlagenprojekten riskierte, den Kulturerbe-Status von Kölner Dom und Wartburg zu verlieren, hatten die Städte im letzten Moment eingelenkt. Was Dresden angeht, muss jetzt höheren Orts interveniert werden. So betrachten die Grünen im sächsischen Landtag den Streit um das Dresdner Elbtal als einen Fall für das Bundesverfassungsgericht. Denn mit diesem Brückenbau, so Fraktionschefin Antje Hermenau, würden Dresden und der Freistaat Sachsen für die Unesco erst einmal zur "No-Go-Area". Und natürlich müsse das im Interesse aller Deutschen geklärt werden, "denn die Unesco wird Anträge aus Deutschland die nächsten Jahre erst einmal mit spitzen Fingern anfassen". Zudem gehe es auch um die Frage, ob ein kommunaler Bürgerentscheid Völkerrecht breche.

Eine verfahrene Situation. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist nicht zuletzt auch ein Versäumnis des Bundes: Bislang wurde die Welterbe-Konvention von 1976 nicht in nationales Recht umgesetzt. Es besteht dringend Handlungsbedarf.

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