Millionenpreise und Fälschungen

- Die inzwischen bis in Millionenhöhe reichenden Preise für Bilder des Münchner Malers Carl Spitzweg (1808-1885), die Klärung seines Frühwerks, vor allem aber das Auftauchen zahlreicher älterer und neuerer Nachahmungen ließen den Ruf nach einem verlässlichen Werkverzeichnis immer lauter werden. Der in Starnberg lebende Kunsthistoriker Siegfried Wichmann begann mit Vorbereitungen dazu 1955. Er fing an, Ektachrome und Farbabbildungen von Spitzweg-Gemälden zu sammeln, 1954 machte er sich an die Aufarbeitung des reichen Quellenmaterials: Zeichnungen, Briefe, Tagebücher, Verkaufsverzeichnisse. Es folgten die immer genaueren Untersuchungen der Signaturen, des Bildträgers, des Farbauftrags und der Pigmente, stilkritische, thematische und chronologische Vergleiche, eine immer ausgefeiltere Methodik der Analysen.

<P>Nun liegt das Gesamtverzeichnis der bis zum 1. Mai 2001 bekannt gewordenen Gemälde und Aquarelle vor. Finanzielle Unterstützung erhielt Wichmann zuletzt durch die Stiftung des im vergangenen Jahr gestorbenen Schweizer Unternehmers und Sammlers Charles Vögele. Diesem in Pfäffikon gegründeten Seedamm Kulturzentrum ist ebenfalls die bis zum 18. Mai laufende Spitzweg-Ausstellung im Haus der Kunst zu verdanken, Wichmanns dritte dort.</P><P>Günther Roennefahrts Spitzweg-Verzeichnis von 1960 wird nun endgültig zur überholten Archivalie. Rund 300 der dort beschriebenen Gemälde, Ölstudien und Aquarelle können als Originale nicht mehr anerkannt werden. Über 400 nicht aufgeführte Werke werden jetzt als authentisch deklariert. Wichmanns Ergebnisse sind enthalten in über 300 nummerierten Archivbänden mit jeweils 45 bis 50 Abbildungen, die in der Bayerischen Staatsbibliothek zugänglich gemacht werden sollen.</P><P>Ausführlich werden in chronologischer Ordnung relevante Auszüge aus Briefen, Tagebüchern und anderen Eintragungen abgedruckt, Rechnungen und amtliche Dokumente. Am Beispiel der Landschaften wird die Stilentwicklung erörtert: von der Spätromantik bis zur leichthin pastosen Freilichtskizze Spitzwegs.</P><P>Nachgewiesen wird der nicht nur für Datierungen wichtige Wandel des Monogramms S im Rhombus und der Schreibschrift der Signatur, das Aussehen und die Anbringung eines Nachlassstempels (samt Nachahmung). Keines der Kriterien kann isoliert genutzt werden, zumal Carl Spitzweg selber manche Bilder erst viele Jahre nach deren Entstehung signierte.</P><P>Fälschungen gibt es schon seit der Zeit um 1835. Siegfried Wichmann reproduziert Beispiele. Andere Nachempfindungen wurden später auf Spitzweg umsigniert. Um 1965 nachgewiesene Kopisten benutzten eigens angeriebene Farben und alte Leinwand. Zwei lebende Produzenten von falschen Spitzwegs nennt Wichmann sogar beim Namen. Recht milde behandelt er die namhaften "Fachgutachter" mit ihren Fehlurteilen, darunter sein einstiger Chef Eberhard Hanfstaengl.</P><P>Siegfried Wichmann: "Carl Spitzweg. Verzeichnis der Werke." Belser Verlag, Stuttgart. 616 Seiten mit über 1800 Abbildungen. Subskriptionspreis bis 31. Mai 368 Euro, danach 398 Euro.</P>

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