Mindestens Brüsseler Spitze

- Der beste Platz für die Königin. Rechts auf dem Podium, vor dem Orchester, im Angesicht des Publikums und mit einem Tesa-Streifen auf dem Flügel festgeklebt: eine Schwarzweißfotografie im DIN-A4-Format, an die sich gleich eine ganze Reihe von Bayern-Brüssel-Verbindungen knüpfen. Königin Elisabeth von Belgien war nämlich geborene Herzogin von Bayern und rief 1937 den Concours Reine Elisabeth ins Leben, einen der wichtigsten internationalen Musikwettbewerbe. Und der aktuelle Preisträger, Pianist Severin von Eckardstein, musizierte nun wiederum zu allerhöchstem Anlass.

<P>Kein monarchischer, aber nur wenige Eichstriche drunter. Wobei die Eröffnung der neuen bayerischen Landesvertretung in Brüssel fast durch rhetorisches Schlagwortgedünst vernebelt wurde ("Bayern und Europa", "in besonderer Weise", "schon die Wittelsbacher", "Aufgaben für die Zukunft", "Lehren der Vergangenheit", "unser aller Anliegen", etc., pp.), wäre da nicht die Musik gewesen. Vor allem Motivator Marcello Viotti. Denn der hatte am Vorabend mit seinem Münchner Rundfunkorchester dem heiligsten Anlass die nötige Portion Pfeffer verpasst. Nicht im umgebauten Institut Pasteur, mit dem die Weißblauen für stolze 30 Millionen Euro nun den Botschaften von USA oder Russland in Sachen Größenordnung und behaupteter Wichtigkeit zu Leibe rücken, sondern außerhalb der Stadtmitte. Quasi bei den Kollegen.<BR><BR>Denn das Flagey, früherer Sitz des Rundfunks, beherbergt nun ein Kulturzentrum. Und mit dem Studio 4 einen Raum, den der Architekt des hochgelobten Luzerner Festspielhauses dank hineingehängter Ränge und akustischer Tricks in einen passablen Konzertsaal verzaubert hatte. Die trennscharfe Akustik begünstigt Vorklassisches wie die sechste Symphonie des belgischen Gebrauchsmeisters Jean Franç¸ois Gossec. Aber auch größer Dimensioniertes, zum Beispiel Cé´sar Francks Symphonische Variationen für Klavier und Orchester, die Severin von Eckardstein mit markigem Ton spielte, dabei vom Rundfunkorchester und Viotti heftig animiert wurde, und die dennoch selten denselben Emotionsgrad erreichte. <BR><BR>Das Münchner Rundfunkorchester als tönender Botschafter Bayerns: Vor allem Manager Gernot Rehrl und seinen Kontakten in ministerielle Zirkel hat das von der Abwicklung bedrohte Ensemble die Einladung zu verdanken. Gestern, bei der Botschaftsweihe, umrahmte ein Bläserquintett unter anderem mit Scheidts "Schlacht-Suite" den Festakt (Selbstironie?), tags zuvor, zu Stoibers Geburtstag, spielte man ein Festkonzert vor geladenem Auditorium. Und ohne den Ministerpräsidenten. Die Programmwahl - eine Ehrensache: Jean Franç¸ois Gossec sowie Cé´ar Franck stammten aus Belgien, Richard Strauss erschien als bajuwarischer Klangprotz geradezu zwingend. Und, wie die Aufführung der Tondichtung "Aus Italien" demonstrierte, auch goldrichtig, mindestens Brüsseler Spitze.<BR><BR>Bereitwillig bis spielwütig stürzte sich das Orchester auf Strauss' Klangfutter, ließ sich von Viotti zu einer aufgeputschten Deutung hinreißen, die nichts gemein hatte mit oft gehörtem, inhaltsarmem Breitwandkitsch. "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide", hatte ein Uraufführungskritiker über das Opus gelästert, nach dem Hören des Konzerts hätte er sein Urteil zerknirscht revidiert.<BR><BR>Köchelte der Applaus zur Pause noch auf Gala-Flamme, provozierte "Aus Italien" viele Bravi. Ein verschwitzter Viotti, der mit Frau und vier Kindern angereist war, beteuerte anschließend: "Ich habe sooo viel Strauss dirigiert. Aber keiner will das von mir." Und das Orchester samt Promis von BR-Intendant Thomas Gruber bis Europaminister Eberhard Sinner sah sich zur Abkühlung in die Studio-Bar gedrängt. Oder, wie die seltsame Illuminierung zeigte, fürs Rotlichtmilieu zwangsverpflichtet.<BR><BR></P><P><BR> </P>

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