Der neue Herr in der Maximilianstraße: Matthias Lilienthal will sich mit seinen Münchner Kammerspielen auch in die Debatten der Stadtgesellschaft einmischen; Theater findet für ihn nicht nur auf der Bühne statt. Foto: marcus schlaf

Kammerspiele-Intendant im Interview

„Mir macht es Spaß, rauszugehen“

München - Matthias Lilienthal, designierter Intendant der Münchner Kammerspiele, über seine Pläne für die Spielzeit 2015/16.

Matthias Lilienthal ist entspannt. Gerade hat sich der designierte Intendant der Münchner Kammerspiele mit Josef Bierbichler getroffen; die Regisseurin Anna-Sophie Mahler wird dessen Roman „Mittelreich“ in Lilienthals erster Spielzeit als neuer Kammerspiele-Chef inszenieren. Der 55-jährige Berliner übernimmt im Sommer die Leitung der städtischen Bühne von Johan Simons, zuvor war er etwa Intendant des Berliner Theaters Hebbel am Ufer (HAU) und leitete im vergangenen Jahr das Mannheimer Festival „Theater der Welt“. In unserem Gespräch erklärt Lilienthal seine Ideen für München – und sein Verständnis eines Stadttheaters.

Was zeichnet ein Stadttheater aus, das erfolgreich und relevant ist?

Es muss mit der Stadtgesellschaft kommunizieren. Außerdem muss es all die verdrängten Inhalte und scheinbar nicht überschaubaren Themen ins Bewusstsein holen, um darüber in einen Austausch mit dem Publikum zu treten. Im Idealfall gibt es eine Verklammerung zwischen dem Bürgertum und dem Stadttheater – damit können wir arbeiten.

Wie muss ich mir dieses Arbeiten an den Kammerspielen vorstellen?

Hier interessiert es mich, das Stadttheater zu vermischen mit freien Produktionsformen. (Grinst.) Die Kammerspiele sind die größte, bestgelaunte freie Gruppe, die existiert – mir würde es Spaß machen, diese Truppe weiterhin zu einer auf Dauer guten Form zu führen.

Definieren Sie bitte „bestgelaunt“.

Ich habe hier noch nie von jemandem den Satz gehört, etwas ginge nicht. Das ist absolut außergewöhnlich.

Lassen Sie uns zurückkommen zur Kommunikation mit der Stadtgesellschaft: Ihr erstes Projekt „Shabbyshabby Apartments“ läuft bereits – mit günstigen, kreativen Wohnideen machen Sie auf die prekäre Wohnungslage in München aufmerksam. Das Thema betrifft einerseits viele Menschen – andererseits ist es nicht neu…

Als ich vor eineinhalb Jahren erste Gespräche mit dem Ensemble geführt habe, ging es immer wieder ums Wohnen. Das Thema stand also von der ersten Minute an fest. Zunächst dachte ich, wir machen eine Art Dokumentartheater über den Verkauf von Wohnungen an die Patrizia Immobilien AG. Das fanden alle super, es ging aber nix voran. Dann kamen wir mit dem Architekturkollektiv „raumlaborberlin“ auf die Idee, 24 Sozialwohnungen, das Stück zu 250 Euro, zu bauen. So thematisieren wir die Wohnungslage auf eine charmant-installative Weise. Ich habe jetzt schon das Gefühl, dass das gelungen ist und von der Stadt angenommen wird.

Aber bringen Sie etwas Neues in die Debatte?

Wir sagen bestimmt nichts Neues. Aber das ist wurscht. Denn in dem Moment, in dem wir eine Wohnung für 250 Euro vor den Laden von Yves Saint Laurent bauen, entsteht künstlerische Reibung. Wie die aussehen wird, kann ich weder vorhersagen noch kontrollieren.

Zu welchen stadtpolitischen Themen melden Sie sich außerdem zu Wort?

Mit „Bellevue di Monaco“ (Häuser im Glockenbachviertel, in denen ein Flüchtlingsprojekt entstehen soll; Anm. d. Red.) engagieren wir uns für die Flüchtlinge, die nach München kommen. Wie sich Deutschland, wie sich München zu Flüchtlingen verhält, wird die nächsten zwei, drei Jahre ein ganz wichtiges Thema bleiben.

Die Kammerspiele werden unter Ihrer Leitung also häufiger die Stadt als Bühne nutzen…

Ja. Ich stehe auf „Site-specific“-Aktionen (ortsspezifische Kunst; Anm. d. Red.) und mir macht es Spaß, rauszugehen – insbesondere in München, denn öffentlicher Raum ist hier knapp und von vielen Interessen besetzt.

Ist die Inszenierung Ihres Hausregisseurs Nicolas Stemann von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, mit der Sie am 9. Oktober die Spielzeit eröffnen, dann die Beruhigungspille aus dem Repertoire für die Abonnenten?

Nee. Mich interessiert der Widerspruch zwischen „Shabbyshabby“ und dem „Kaufmann“. Das ist ein interessantes Stück, in dem zwei Ökonomien aufeinanderknallen.

Eine weitere Premiere ist „Mein Kampf“, eine Koproduktion mit dem Künstlerkollektiv Rimini Protokoll und dem Kunstfest Weimar, wo am 3. September die Uraufführung stattfindet. Ein Spiel mit dem potenziellen Skandal?

Keine Ahnung, ob das so skandalträchtig wird. Es wird in der Produktion wenig um Hitlers Text gehen. Im Zentrum steht eine israelische Anwältin, die in einer Lebenskrise angefangen hat, sich mit diesem antisemitischen Text auseinanderzusetzen. Es geht darum, welche Geschichte dieses Buch seit seinem Erscheinen gemacht hat. Intellektuell und sprachlich ist es ein furchtbares Ding, aber ich finde es extrem wichtig, den Text nicht zu tabuisieren, sondern sich mit dessen Antisemitismus zu beschäftigen – gerade jetzt, da die Rechte an „Mein Kampf“ frei werden.

Die kanadische Sängerin und Künstlerin Peaches wird an den Kammerspielen mit „Peaches Christ Superstar“ auftreten. Wollen Sie den Konzertbetrieb intensivieren?

Ja, wir wollen eine Veranstaltungsschiene etablieren mit Interpreten aus dem Kreuzungsbereich von Avantgarde, Club- und Elektro-Musik. Wir wollen Konzerte, bei denen Popmusik in einen philosophischen Diskurs übergeht – und nicht kommerziell interessant ist. Für die jüngere Generation ist neue Musik auch ein neues Nachdenken über die Welt, das gehört in einen Laden wie die Kammerspiele!

Gibt es weitere Ideen, wie es Ihnen gelingen kann, an ein junges Publikum heranzukommen?

Durch eine Gruppe jüngerer Regisseure, die Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre geboren wurden wie Simon Stone, Alexander Giesche, Anna-Sophie Mahler oder Susanne Kennedy. Ich hoffe, dass sich die Sicht jüngerer Regisseure verbindet mit der Sicht jüngerer Zuschauer.

Hat Ihnen die Stadt ein Ziel bezogen auf das Publikum vorgegeben?

Ich selber habe gesagt, dass ich nichts verspreche und es eher Blut, Schweiß und Tränen geben wird. Aber ich werde mich bemühen, neben den sehr treuen Zuschauern auch eine Gruppe von jungen Zuschauern ans Haus zu binden.

Welches Ziel haben Sie sich selbst gesteckt?

Ich möchte sehr gerne, dass die Kammerspiele ein Forum für den öffentlichen Austausch in München sind und eine große Vitalität entfalten, die auch Jüngere anspricht. Und ich würde gern alle Formen von Stadttheater-Arbeit mit freier Arbeit mischen, dass kein Mensch sich mehr auskennt, wie die Produktion zustande gekommen ist.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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