Auf Mirella Frenis Korb

- Als Mimi in eine uralte "Bohème"-Inszenierung einzusteigen, muss doch schrecklich langweilig sein. Anja Harteros schüttelt den Kopf. "In Wien saß ich bei meiner großen Arie auf dem Korb, auf dem schon Mirella Freni gesessen hatte, und hatte den gleichen Muff, mit dem schon sie sich gewärmt hatte. In München werde ich da stehen, wo schon Erika Köth stand. So eine alte Inszenierung ist auch Kult", schwärmt die sympathische junge Sängerin. Heute, am 23. und am 27. Dezember singt sie unter Marco Armiliatos Leitung im Münchner Nationaltheater die Mimi in Puccinis Oper, ihr Rodolfo ist Tomislav Muzek.

<P>Die schlanke, dunkelhaarige Sängerin aus dem Rheinland, die sich nach nur vier Jahren im festen Vertrag (Gelsenkirchen/ Wuppertal und Bonn) auf die freie Wildbahn traute, eroberte binnen weniger Jahre die Opernhäuser der Welt: Wien, Paris, Dresden, Hamburg, Amsterdam, Lyon, Vicenza und San Diego. Als sie im vergangenen Jahr an der New Yorker Met debütierte (Donna Anna in "Don Giovanni" und "Figaro"-Gräfin), staunte ein Kritiker: "Sie ist nicht promoted." In Zeiten Netrebko'schen Medienrummels auch schon wieder eine kleine Sensation.</P><P>"Manchmal denkt man schon, es kriegt keiner was mit. Aber es ist doch nicht so", freut sich Anja Harteros, die noch keine CD eingespielt hat und doch ganz konsequent ihre Karriere macht. Obwohl sie eher schüchtern war, spürte sie schon als Teenager, dass die Oper "in mein Innerstes dringt und ich beim Solosingen viel weniger aufgeregt war als beim Geige spielen". An der Kölner Musikhochschule studierte sie bei Liselotte Hammes, der sie bis heute treu geblieben ist. "Manchmal genügt ein Anruf, sie rät mir zu den richtigen Übungen, und schon klappt alles bestens." Anja Harteros' Repertoire ist edel bestückt: von Mozarts Fiordiligi, Gräfin und Donna Anna über Verdis Violetta, Amelia und Alice, Puccinis Mimi und Webers Agathe bis zu Wagners Eva, Elisabeth und Freia. Letztere übernahm sie auch in der "Rheingold"-Premiere an der Bayerischen Staatsoper, die für sie mittlerweile fast "ein festes Haus" geworden ist.</P><P>Hier sang und singt sie auch in Zukunft Agathe, Gräfin, Fiordiligi, Desdemona, Freia, Mimi und Arabella. Über Neuinszenierungs-Pläne schweigt die natürlich und bescheiden wirkende Sopranistin diskret.</P><P>Dass Liederabende derzeit wenig gefragt sind, grämt sie ein wenig. Auf dem Konzertpodium begegnet man ihr eher selten, doch auf der Opernbühne ist sie in aller Welt - auch bei den Festivals in Glyndebourne und Salzburg - an 35 bis 50 Abenden pro Jahr anzutreffen.</P><P>Dem Regietheater verschließt sie sich dabei keineswegs. In Hamburg erarbeitete sie etwa mit Peter Konwitschny die Eva in den "Meistersingern". "Natürlich habe ich mit ihm gekämpft. Diese Regisseure provozieren auch die Sänger, sie suchen den Konflikt. Wenn mir ein Regisseur erklären kann, warum ich etwas so oder so machen soll, dann ist es in Ordnung. Nur eine gewisse Ästhetik darf nicht unterschritten werden. Wenn man nur da steht und schön singt, gehen einem ja auch viele Chancen verloren." Bei der heutigen "Bohème" reicht das - fast. "Da ist weniger oft mehr", lächelt Anja Harteros und gesteht: "Ich brauche auch nicht immer einen dominanten Regisseur."</P>

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