In der Mischung kommt etwas Tolles heraus

- Sie gehört zu den interessantesten Verdi- und Belcanto-Sängerinnen unserer Tage: Dimitra Theodossiou. Sie ist ein begehrter Gast auf den internationalen Opernbühnen. Am 29. Juni singt sie anlässlich des Aufenthalts der Olympischen Flamme in München beim Freiluft-Konzert auf dem Marienplatz Arien von Cherubini und Verdi sowie griechische Lieder.

<P>Zurzeit proben Sie in der Arena von Verona die Leonora im "Troubadour", eine Partie, aus der sich auch in München einen Ausschnitt singen <BR>werden. Was ist das für ein Gefühl?<BR><BR>Theodossiou: Es ist immer wieder eine große Emotion, in Verona dabei zu sein. Es gibt auf der ganzen Welt kein vergleichbares Theater, das bei einer solchen Größe eine so gute Akustik bietet, die Atmosphäre ist wunderbar. Außerdem ist die Leonora für mich persönlich sehr wichtig.<BR><BR>Inwiefern?<BR><BR>Theodossiou: Als ich sechs Jahre alt war, nahm mich mein Vater in Athen mit in die Oper, eben in "Il Trovatore". Auf dem Nachhauseweg sagte ich zu ihm: "Wenn ich einmal groß bin, werde ich die Leonora singen." Und es ist so gekommen.<BR><BR>Auf geradem Weg?<BR><BR>Theodossiou: Ganz so einfach war es nicht: Griechische Väter sind nicht so leicht zufrieden zu stellen, und meiner hat darauf bestanden, dass ich neben meiner musikalischen Ausbildung einen Brotberuf erlerne. So bin ich Bankkauffrau geworden, was während meines Gesangsstudiums in München nicht ungünstig war, denn ich konnte immer jobben.<BR><BR>Welche Rolle spielt die Tatsache, in zwei verschiedenen Ländern, in zwei Kulturen zuhause zu sein, für Ihre eigene Identität?<BR><BR>Theodossiou: Eine sehr große. Ich hänge sehr an Griechenland, an der griechischen Mentalität, dieser Begabung, die Dinge positiv zu sehen, es zu nehmen, wie es kommt. Die Disziplin hingegen habe ich von meiner Mutter, die Deutsche ist, und auch dafür bin ich dankbar. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit: In den griechischen Familien in Athen durften die Kinder noch um zehn Uhr abends auf der Straße sein, wir mussten schon um sieben ins Bett. Aber sehen Sie, das ist wie bei der griechischen Nationalmannschaft und ihrem deutschen Trainer: In der Mischung kommt etwas Tolles dabei heraus.<BR><BR>Bei den Stichwörtern "griechische Sängerin" und "Belcanto" denkt man sofort an Maria Callas. Wie gehen Sie mit solchen Assoziationen um?<BR><BR>Theodossiou: Ich bin sehr stolz darauf, Maria Callas als musikalische Vorfahrin zu haben. Natürlich war ihre Stimme ganz anders als meine, aber in der Art, wie sie Rollen repräsentierte, in der sie die Kontinuität des Belcanto- und Verdi-Gesangs fortgesetzt und sich immer wieder neue Ziele gesteckt hat, ist sie mir ein großes Vorbild. Man muss aber künstlerisch ganz man selbst sein.<BR><BR>Was bedeutet das für Ihr eigenes Singen und für Ihr Repertoire?<BR><BR>Theodossiou: Zum Beispiel, dass ich mir mit bestimmten Rollen noch Zeit lasse, etwa den großen Frauen-Partien des mittleren Verdi in "Nabucco" oder "Maskenball". Einstudiert sind sie alle, aber die kann ich auch noch in zehn Jahren singen. Andere Rollen hat man mir angeboten, etwa die Butterfly, aber als ich sie zu Hause übte und "in meinen Hals platzierte", ermüdete meine Stimme schon nach zwei Stunden. Ich nehme nur Partien in mein Repertoire, bei denen ich kein Problem hätte, nach der Aufführung nochmal einen ganzen Akt weiter zu singen - das bedeutete, die Rolle momentan noch wegzulassen. Bei aller Disziplin muss man auch einmal nein sagen können.</P><P>Das Gespräch führte Andreas Grabner<BR><BR></P>

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