Premierengespräch

Missbrauch oder Hysterie

„Furcht und Zittern“ heißt das „Singspiel“, das Regisseur Sebastian Nübling für die Münchner Kammerspiele inszeniert. Ein heikles Thema – Kindsmissbrauch – auf der Zirkusbühne. Premiere ist morgen.

Sebastian Nübling ist ein Grenzgänger. Deshalb steht ein großes G auf seinem Pass, mit dem er für eine begrenzte Zeit in die Schweiz einreisen darf. Weil er keinen festen Arbeitsvertrag dort hat, wohnt er in der Nähe von Lörrach, wo er 1960 geboren ist. Nach wie vor inszeniert er nämlich in Basel, wo er 1998 als Regisseur anfing. Nübling muss selbst ein bisschen lachen bei dem Wort Grenzgänger. Schließlich ist schon öfter beschrieben worden, dass man ihn stilistisch nicht fest verorten kann, dass er sowohl dem Dekonstruktivismus eine Absage erteilt, als auch einem neuen, sogenannten Schauspielertheater. Im Zweifel bedient er sich bei beidem, sucht die Widersprüche und lotet jeweils die Grenzen aus.

An den Münchner Kammerspielen inszeniert er nun (nach „Hass“, 2008) „Furcht und Zittern“ von Händl Klaus. Das „Singspiel“ mit Musik von Lars Wittershagen wurde als Koproduktion kürzlich bei der Ruhrtriennale in Essen uraufgeführt. Und löste teils verstörte, teils wütende Reaktionen aus. Im Zentrum des Auftragswerks nämlich steht ein Mann, der wegen Kindsmissbrauchs im Gefängnis war und seine Arbeit als Gesangslehrer aufgeben musste. Jochen Noch spielt ihn, Caroline Ebner seine Frau, und Wiebke Puls und Paul Herwig sind die Polizisten, die ihn jetzt aus seinem Haus werfen, weil in der Nähe ein Kinderheim gebaut wird.

Verharmlosung, der Täter werde als Opfer dargestellt, lauteten die Vorwürfe von Kritiken und einem öffentlichen Protestbrief gegen die Inszenierung, die in einer Zirkusmanege spielt. Überraschte Nübling diese Wirkung?

„Mich überraschte, dass die Offenheit der Inszenierung nicht als Qualität genommen wurde. Den Ball, ein moralisches Urteil zu fällen, spielt Händl Klaus ans Publikum zurück und schafft damit eine Diskussionsgrundlage. Die Form des Singspiels arbeitet mit den Mitteln des Naiven. Es handelt sich um eine Verkleidung mit Unschuld, eine Mimikry.“

Natürlich steht für Nübling, selbst Vater dreier Kinder, völlig außer Frage, dass ein Kinderschänder Täter ist. Was ihn jedoch an diesem Thema reizt, sind die Grenzbereiche: „Ist zum Beispiel das philosophische Gespräch, in das der Mann einen Jungen einmal verwickelt, bereits eine Art Übergriff? Man weiß in diesem Stück nie, ob ein Missbrauch passieren wird oder jemals passiert ist. Es spielt damit auf die Hysterie der Gesellschaft an.“

Dieser Aspekt ist Nübling wichtig: „Alles findet hier im Licht der Öffentlichkeit, im Freien statt. Der Mann wird aus seiner Wohnung rausgeholt und steht fortan unter Beobachtung. Wir alle, auch die mitspielenden Kinder, schauen ihm zu und begleiten ihn: ein Gegenbild dazu, dass das Thema zumeist verschlossen und versteckt wird. Übrigens gab es auch in meiner Umgebung einige, die sagten, ein Singspiel zu diesem Thema könne man nicht machen.“

Nübling schätzt die starke sprachliche Form von Händl Klaus’ Texten, ihre Musikalität und rhythmische Gliederung. „So jemanden habe ich gesucht, um ihm auf bildnerischer und musikalischer Ebene zu antworten.“ Und so gehört der Autor zu Nüblings Theaterfamilie. „Mir ist wichtig, dass Theater eine Teamveranstaltung ist“, sagt Nübling. „Ich glaube nicht an ein genialisches Wesen dahinter.“

von Christine Diller

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