+
Ein Fanatiker, wenn es um die Aufführung seiner Opern ging: Giacomo Puccini (1858-1924).

150. Geburtstag von Giacomo Puccini

Missverständnis „Nessun dorma“

Unsterblich ist er, dieser Giacomo Puccini, dessen 150. Geburtstag heute gefeiert wird. Einer der populärsten Komponisten – und einer, der geradezu grotesk missverstanden wird. Seine berühmteste Arie, Kalafs „Nessun dorma“ aus „Turandot“, ist dafür das beste Beispiel.

Ungefähr 1,7 Millionen Treffer liefert die Suchmaschine Google. Filme wie „Hannibal“, „Philadelphia“ oder „Killing Fields“ vertrauten auf den Schlager, es gibt Arrangements für Blasmusik, einen Handy-Klingelton, eine Bremer Werbeagentur, die sich „Nessun dorma GmbH“ nennt. Und es gibt natürlich seit 2007 den Briten Paul Potts, der sich damit an die Spitze der Charts und später in einen Telekom-Werbespot sang. Auch ohne die zwölf anderen Opern, so darf vermutet werden, allein mit diesem Arioso aus „Turandot“ also, wäre Puccini weltberühmt geworden. Es ist seine Kleine Nachtmusik.

Und es war das Stück Luciano Pavarottis. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass „Keiner schlafe“, so die Übersetzung, zum Inbegriff der Opernarie wurde. Zwar hatten Tenorkollegen vor ihm auch schon den Dreiminüter im Best-of-, respektive Zugabenrepertoire. Aber erst Pavarotti adelte ihn zu seiner persönlichen Hymne, weil er ihn in seinen besten Jahren unvergleichlich sang: so geschmeidig, so schmusig, so effektvoll – und so falsch.

Denn zugegeben: Alle Welt wartet nicht nur bei Luciano selig auf jene spektakelnde Note, jenes hohe H, das – möglichst lange und laut ausgehalten – Standing Ovations sichert. Doch dieses brünstige „Vintschäääääro“ ist durch keinerlei Komponistenwillen gedeckt. Dazu ein Blick in die Partitur: Puccini sah für die Stelle einen kurzen, lakonischen, mit einem Akzent versehenen Notenschlag vor, mithin also das Gegenteil der landläufig gekrähten Fermate. Das anschließende A erlaubt dann eine längere Verweildauer. Doch wer singt das heute so? Jedenfalls keiner der Tenöre in unserer Hitliste auf dieser Seite. Immerhin: Francesco Merli (1887- 1976) tat es auf der ersten „Turandot“-Einspielung aus dem Jahre 1937. Der Italiener sang den Kalaf unter Toscanini, war also zur Puccini-Zeit aktiv und ist folglich in Sachen Meisterwillen allererste Wahl.

Das effektvoll verschlampte H wäre ja an und für sich zu vernachlässigen. Doch es steht für das Puccini-Problem der letzten Jahrzehnte. Das Klischee, der große Italiener habe doch nur „auf Wirkung“ komponiert, dabei Sentimentales, Kitschiges, Weinerliches produziert, fällt nämlich auf seine Interpreten zurück. Ähnlich wie Kollege Gustav Mahler war Puccini ein Fanatiker, wenn es darum ging, seine Partituren mit Vortragsangaben zu übersäen – und Dirigenten mit Verbesserungswünschen zu malträtieren.

Puccini hatte ein sicheres Gefühl für ein fein abgeschmecktes Instrumentarium, auch für klangliche Härten, für Ungeschöntes also, das er sich unter anderem der aufkeimenden Avantgarde abhörte. Das Gegenteil jedoch erzielen eine Vielzahl der Interpreten. Und der folgenschwerste in dieser Riege ist Herbert von Karajan. Dessen klangliches Imponiergehabe, seine süffigen, jedoch letztlich verkleisternden Deutungen haben den größten Teil zum Puccini-Missverständnis beigetragen.

Wie schön wäre es also, zum 150. Geburtstag die Musikwelt zu beschenken: mit Interpretationen, die mehr von Puccinis Kunst enthüllen, als es bisher der Fall war. Denn in ähnlichem Maße wie beim barocken Repertoire fehlt auch der Puccini-Tradition ein Augen-, vielmehr Ohrenöffner à la Nikolaus Harnoncourt. Dann könnte manche Arie, in der man sich’s doch so wohlig eingerichtet hatte, ungeahnte Sprengkraft entfalten.

„In ihren Partituren gibt es alle Arten möglicher und unmöglicher Zeichen“, beschwerte sich einst Verleger Ricordi bei Puccini. „Es ist ein Wald von Verlangsamen und Beschleunigungen, sodass die Dirigenten den Kopf verlieren werden.“ Der Verdacht liegt nahe, dass ihn einige Puccini-Interpreten noch gar nicht richtig gebraucht haben.

Markus Thiel

Ein Mann zwischen Selbstmitleid, Seitensprung und Opernkunst

Küchenpsychologen könnten natürlich behaupten, Giacomo Puccini habe in seinen 13 Opern deshalb so tief in die Seele der Frauen blicken können, weil er selbst genug an seiner Seite gewusst hatte. Wahr ist: Der Italiener führte keineswegs das Leben des vergeistigten, enthaltsamen Künstlers. Seine Leidenschaft galt neuesten Autos, der Jagd und, was in seinen Augen wohl damit eng zusammenhängt, dem anderen Geschlecht.
Puccinis Neigung zum Seitensprung nahm zu, als er selbstmitleidig mit Anfang 40 in die Midlife-Crisis schlitterte. Die Beziehung seines Lebens konnte er erst spät legitimieren: Acht Jahre lang lebte er mit Elvira in „wilder“, Italien anfangs empörender Ehe zusammen. Elvira hatte ihren Mann für Puccini verlassen und heiratete den Komponisten 1904 – als der erste Mann endlich unter der Erde war. Sogleich wurde auch der gemeinsame Sohn Tonio „legitimiert“.
1858 kam Puccini in Lucca zur Welt und blieb sein Leben lang, zum Ärger seiner Frau, ein Mann der Provinz, der nur notgedrungen in die Metropolen reiste. Ein ausgeglichener, einfacher Zeitgenosse war Puccini ohnehin nicht. Neben seinem Hang zum Weltschmerz gab es eine ausgeprägte Pedanterie, gepaart mit Lust an der Gängelei, was vor allem seine Mitarbeiter, besonders die Librettisten zu spüren bekamen.
Der Erfolg gab ihm Recht: eine Weltkarriere, die 1893 mit seinem Durchbruch, mit „Manon Lescaut“, begann. „La Bohème“, drei Jahre später uraufgeführt, wurde zu einer der meistgespielten Opern der Musikgeschichte, 1900 folgte die fast ebenso beliebte „Tosca“. Die Tantiemen machten Puccini steinreich. Mehrere Wohnungen und Villen kaufte er, sein Lieblingshaus blieb das in Torre del Lago am Massaciuccoli-See.
Puccini auf eine Art seriösen Operettenkomponisten zu verengen, wäre falsch. Er experimentierte mit neuen Formen (die drei Opern des „Trittico“), ließ sich von Debussys und Strauss’ Instrumentationskunst beeinflussen und konnte sein avanciertestes Projekt, die Märchen-Oper „Turandot“, nicht vollenden: 1924 starb Puccini nach einer Operation in Brüssel – der Kehlkopfkrebs hatte ihn besiegt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Draußen rattern Züge über die marode Brücke, drinnen spielen sich die fünf junge Münchner „The Whiskey Foundation“-Musiker den Blues, Rock und Soul der 60er Jahre aus …
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare