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Die Idealbesetzung als Alice: Maria Shirinkina.

Start in die Ballett-Festwoche

Staatsballett-Premiere: Das Wunderland liegt in München

München - Mit „Alice im Wunderland“ startete das Bayerische Staatsballett in seine Festwoche. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

Kindermärchen oder Lovestory, Musical, Revue oder Parodie? Oder vielleicht ein neues Genre: ein Ballettical, in das der Monty-Python-Geist gefahren ist? Machen wir’s kurz: Christopher Wheeldons Tanzschöpfung nach Lewis Carrolls Literatur-Klassiker „Alice im Wunderland“ ist all dies zusammen. 2011 für das Londoner Royal Ballet kreiert, ist nun seine „Alice“ – ideal besetzt mit der zierlich-anmutigen Maria Shirinkina – nach schwindeligem Fall durch das Kaninchenloch sicher im Nationaltheater gelandet. Staatsballettchef Igor Zelensky kann aufatmen: Seine zweite Münchner Premiere, extrem kostspielig, zudem technisch höchst knifflig (die Projektionen von John Driscoll und Gemma Carrington!), war ein Erfolg – und das Publikum am Montagabend rundum glücklich.

Ein strahlender Wheeldon war es auch beim Applaussturm am Ende. Und wer gekommen war mit den Vorbehalten „zu britisch, zu traditionell, mit drei Stunden viel zu lang“, wurde irgendwann doch mitgerissen. Tatsächlich braucht das Ballett einen gewissen Anlauf. Schon weil Wheeldon leicht aktualisierend, dabei sehr geschickt eine Romanze einfügt: Alice Liddell ist hier nicht die Zehnjährige, für die Autor Lewis Carroll 1865 die Geschichte schrieb, sondern ein in den Gärtnerssohn Jack verliebtes Mädchen. Sie schenkt ihm ein Törtchen der schon vorbereiteten Tea-Party. Die Mama wittert Diebstahl und verbannt Jack.

Die Gruppen-Auftritte sind schnell und dennoch präzise getanzt.

Richtig hitzige Musik

Familienfreund Lewis Carroll macht zum Trost ein Foto von ihr, taucht jedoch aus dem Kameratuch als weißes Kaninchen hervor, beugt sich über die Kameratasche, fällt hinein, tief und tiefer, und zieht Alice mit sich – bis sie im Wunderland ankommen.

Nach der quirligen Tea-Party saust man, so die physische Illusion, selbst mit durch den endlosen Schacht. Sieht (mittels optischer Tricks) Alice klein schrumpfen und wieder wachsen, trifft die Liddells erneut, jetzt als Wunderland-Figuren. Aber ab dem „Sweet Home“ der Herzogin fetzt es los, angetrieben von Joby Talbots stimmungsfarbiger, gegen Ende richtig hitziger Musik.

Das Staatsorchester unter Myron Romanul lässt es walzern, jazzen, glöckeln und trommeln, was das Zeug hält. Und wenn Wheeldon, Medium-gebunden, schon nicht den ausgeklügelten Sprach-Nonsens von Carroll einbringen konnte, dann zumindest dessen düster metaphorische Reaktion auf viktorianische Verklemmtheit: Matej Urban als Herzogin und Mia Rudic als Köchin schwingen blutdurstig das Schlachterbeil, ob für Würste oder das (Schweine-)Baby. Und die Herzkönigin – Séverine Ferrolier grandios böse und im klassischen „Rosen-Adagio“ grandios komisch – pflegt das dekadenteste Croquetspiel: Die Schläger sind Flamingos und die Bälle lebende Igel (herzig die stacheligen Ballettakademie-Zwergerl). Der Despotin durchgehender Regierungsstil: „Kopf ab“. Auch Vladimir Shklyarovs Jack, der als „Herzbube“ elastisch hoch durchs Kartenkönigreich federt, soll wegen Törtchen-Entwendung dran glauben. Aber da erwacht Alice natürlich aus ihrem Traum.

Irrwitzig schnelle Gruppen-Auftritte

Abgesehen von den kurzen Liebes-Pas-de-deux der beiden, dem vertrackten Kaninchen-Solo von Javier Amo (auch Lewis Carroll) und dem Stepp-Trommelfeuer von Jonah Cooks verrücktem Hutmacher ist Wheeldons Schrittmaterial insgesamt eher einfach. Kompliziert sind die draufgepackten kleinen, gemein rapiden Gesten und Kopfbewegungen. Da hat das gesamte Ensemble profitiert, auch durch den Zwang zu Präzision bei den vielen irrwitzig schnellen Gruppen-Auftritten. Es flutscht ganz prächtig.

Den Technikern des Hauses gebührt ein Lob fürs Funktionieren von Licht (Natasha Katz), Vorhängen und Projektionen. Und Solisten wie Amo und Urban, uns eher vertraut als „Tänzer-Tänzer“, sind zu hinreißenden Komödianten gereift. Jetzt wünschen wir uns von dem – wenn auch international beanspruchten – Wheeldon bald eine ganz schräge neoklassische Kreation.

Malve Gradinger

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