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Herzschmerzkomik im nachgebauten Foyer des Festspielhauses : Yusuke Kobori (Lindoro, v.li.), Giovanni Battista Parodi (Mustafà), Oliviero Giorgiutti (Taddeo) und Aurora Faggioli (Isabella). 

PREMIERENKRITIK

Rossini al arabiata

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Erl - Mit der „Italienerin in Algier“ starten die Tiroler Festspiele in Erl in ihre fünfte Wintersaison. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik. 

Auch wenn der Wind ums Haus pfeift: schnell in der Pause auf den hoch gelegenen Vorplatz und nach drüben geschaut. Aber alle sind sie noch da. Brünnstein, Hocheck und Wildbarren zeichnen sich in der Dunkelheit jenseits des Inns ab. Und das, obwohl gerade ganz anderes vorgegaukelt wurde. Als sich nämlich der Vorhang teilte, erblickte man das schönste Bühnenbild seit Eröffnung des Erler Festspielhauses anno 2012. Ein täuschend echter Nachbau des weißen, raffiniert gewinkelten Foyers, Sitzelemente und Feuerlöscher inklusive. Durchs Panoramafenster grüßt freilich eine Stadt, die sich lässig in eine weite Bucht schmiegt. Der Blick ins Programmheft klärt auf, man spielt schließlich Gioachino Rossinis „Italienerin in Algier“.

Die Regie hält nicht ganz, was das Bühnenbild verspricht

Was hätte man mit diesem herrlichen Einfall alles anstellen können. Eine Groteske, in der begamsbartete und bedirndelte Tiroler auftauchen. In der vielleicht Wanderer oder Skifahrer als ortsübliche Touristen durchs Bild latschen. Und in der es einen Pascha Typ Dampfkochtopf gibt, der bei defektem Ventil schon mal in die Luft fliegen kann: Das dirigierende Original, Gustav Kuhn, wäre dann im Orchestergraben zu besichtigen. Abgefahrenes, Wildes, Handgestricktes, all das fällt aber eher in die Gründerzeit der Tiroler Festspiele. Jetzt, wo gegenüber von Festspiel- und Passionsspielhaus gerade ein Hotel gebaut wird, streckt man sich nach dem Etablierten. Überdies muss, wie zu hören ist, ziemlich gespart werden. Zeit ist Geld, auch beim Probenprozess – der erlaubt wohl nur das schnelle Durchstellen einer Produktion.

Bei der „Italienerin in Algier“ (die Premiere eröffnete das Winterfestival) hält die Regie von Wolfgang Berthold nicht ganz, was die Szenerie von Jan Hax Halama verspricht. Zu sehen ist eine leidlich geölte Komödie, die sich mal beim Slapstick, mal im Gag-Archiv bedient, das Stück aber klar erzählt. Mustafà, unglücklich verheiratet, macht der für Lindoro entbrannten Italienerin Isabella den Hof und sie ihm die Hölle heiß, all das spielt im Nordafrika von heute. Die Damen des Paschas sehen aus wie Flugbegleiterinnen von Air Algérie. Der versklavte Lindoro ist eine Putzkraft. Isabellas Helfer Taddeo tänzelt mit Herrenhandtäschchen und schiefer Perücke eine Haaresbreite am Nervenzusammenbruch entlang.

Die Inszenierung hebt nur teilweise ab

Das Verrückte, Überdrehte des Stücks bekommt man weniger zu Gesicht. Dieser Abend ist wie das erste motorisierte Fluggerät: Er hebt nur meterweise ab. Unters Stereotype mischt sich allerdings auch anderes. Dass Mustafà, bei der Premiere vom graustimmig-noblen Giovanni Battista Parodi gesungen, hier kein beleibter Lüstling ist, sondern ein hochgewachsener, attraktiver Kerl, eröffnet fürs Hormonkraftfeld ganz andere Möglichkeiten. Als der Macho zum Finale ausgetrickst werden soll, wird er mit italienischer Einbürgerung geködert – Barilla-Nudeln, Panettone, Fußballtrikot und Riesen-Passaporto sind die Lockstoffe. Da bäumt sich die Inszenierung nochmals auf. Doch Rossinis dramaturgisch lahmenden zweiten Teil bekommt Wolfgang Berthold schwer in Griff.

Vielleicht auch, weil der Prinzipal wieder so gut wie jedes Sechzehntel spielen lässt. Auch die gern gestrichenen Arien der Nebenfiguren sind dabei, historische Aufführungspraxis à la Gustav Kuhn ist das. Wieder ist in Erl die hohe Schule des Kapellmeisterhandwerks zu erleben. Die Rossini-Maschine läuft stotterfrei. Das Orchester der Tiroler Festspiele wird an der kurzen Leine gehalten, lässt freche Soli aufblitzen. Prägnanz ist wichtiger als Verhuschtes, Kuhn tritt daher zwei-, dreimal auf die Bremse. Knackig ist alles gespielt, mit Swing, reaktionsstark (wenn der Chef Unebenheiten sofort ausgleicht), auch etwas opulent: Pauke und Becken donnern manches zum Rossini-Orchestrion auf.

Eine zweite Programmschiene fürs Festival

Aus der spielfreudigen Premierenriege (die Erler Produktionen sind traditionell mehrfach besetzt) hallt besonders Yusuke Kobori als Lindoro mit leichtgängigem, gut gebündeltem Tenor nach. Aurora Faggioli (Isabella) macht als Domina bella figura. Unerschrocken werden Extremlagen und Koloraturen in Angriff genommen, ihr starkes Vibrato verhindert aber eine genaue Intonation. Oliviero Giorgiutti gibt einen Taddeo aus dem Musterbuch des Bariton-Buffos. Heftiger Jubel: Rossini kommt an am Inn.

Neben Richard dem Großen hat sich da eine zweite Programmschiene ins Festspielgeschehen geschlichen. Wagners „Ring“ im Sommer nebst anderen Werken des Meisters bleiben zwar Kassenknüller, mit denen vieles querfinanziert wird. Doch im vergangenen Winter der „Barbier von Sevilla“, im Sommer 2016 „Wilhelm Tell“, jetzt die „Italienerin“, im Juli 2017 „Semiramide“: Erl mausert sich zum Rossini-Mekka, zur Nordalpen-Version Pesaros gewissermaßen, mit Regie-Crescendo nach dem „Barbier“-Unfall. Melomanen werden in diesem Winter noch mit Verdis „Traviata“ befriedigt. Und für alle, die den Anfangsjahren nachtrauern, gibt es Konzerte wie das mit Chansonnier Patrick Hahn. Der dirigiert Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“-Symphonie und koppelt das mit selbst gesungenen Liedern von Georg Kreisler. Auf den Wahnsinn kann nur Kuhn kommen.

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