Die Schweizer Autorin Nina Kunz.
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Klug und reflektiert: die Schweizer Autorin Nina Kunz.

Die Schweizerin Nina Kunz hinterfragt in „Ich denk, ich denk zu viel“ das Jetzt

Ein Buch über uns: Nina Kunz kluger Blick auf die Welt

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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In 30 pointierten Texten setzt sich die Schweizer Autorin und Kolumnistin Nina Kunz (Jahrgang 1993) mit dem Jetzt auseinander. Mit Social Media und der neuen Arbeitswelt, mit Patriarchat und Wohlfühlkörper, mit falschen Idealen und enttäuschter Liebe. Lesenswert!

Diese 20 Euro sind gut investiertes Taschengeld. Junge Mädels könnten sieben Ausgaben der „Bravo Girl!“ dafür kaufen – besser aber dieses Buch, das ihnen zeigt, dass es auch anders geht. Dass das erstrebenswerteste Ziel einer jeden Frau nicht sein sollte, in ein gesellschaftlich vorgegebenes Schönheitsideal zu passen. Deshalb streichen wir das Wort „Taschengeld“ und korrigieren: Diese 20-Euro-Investition gönnen sich bitte nicht nur junge Mädchen, sondern auch: Buben, Männer, Frauen. Weil Nina Kunz in „Ich denk, ich denk zu viel“ sehr viel Wichtiges zu sagen hat – das alle Geschlechter und Altersklassen etwas angeht.

Nun ist das mit feministischer Literatur immer so eine Sache. Es kann so furchtbar nervig sein, das Wettern der „Emanzen“ über das Patriarchat, nicht wahr? Kunz, eine kluge, belesene, reflektierte junge Frau aus Zürich (Jahrgang 1993), wählt einen anderen Weg. Den für die Leserschaft bequemeren. Ihrem eigenen Naturell entsprechend. Von Kindesbeinen an hat sie gelernt, zu sein, wie sich das für Mädchen geziemt. Nicht zu viel Raum einnehmen, höflich bleiben, auf keinen Fall „zickig“ rüberkommen. Ihre Essaysammlung hat Nina Kunz denn auch eigentlich für sich selbst geschrieben, betont sie fast schon entschuldigend im Vorwort: „Dieses Buch ist in den letzten beiden Jahren entstanden, ohne dass ich je daran gedacht hätte, ein Buch zu schreiben.“

Damit wird bereits auf den ersten Seiten deutlich, dass die gebürtige Schweizerin selbst die Strukturen des Systems zwar noch nicht durchbrochen hat, sie aber genau durchschaut. Ihre 30 pointierten Texte zeugen von einem schon sehr ausgereiften Verständnis von dieser Welt; von dem tiefen Wunsch, sie zu verändern; doch auch: von dem täglichen Scheitern, damit bei sich selbst zu beginnen.

Zürich ist wunderschön – doch allzu versnobt. Auch über ihre Hassliebe zu ihrer Heimat philosophiert Kunz im Buch.

Kunz hat Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich studiert und arbeitet seit 2017 als Kolumnistin für „Das Magazin“ des „Tagesanzeigers“ sowie als freie Journalistin etwa der „Zeit“. Wer selbst irgendwann einmal studiert und sich in Seminaren leidenschaftlich in Debatten geschmissen hat, der spürt in jeder Zeile des Buches wieder diesen jugendlichen Enthusiasmus, diese Lust am Denken und Diskutieren und daran, für jedes Argument bis zur Erschöpfung zu kämpfen. Das nutzt sich ja ab im Laufe der Zeit. Da nickt man dann nur noch, wenn einer mit Foucault um die Ecke kommt. Nach dem Motto: Hab’ ich auch mal hinterfragt, passt schon so.

Über wissenschaftliche Theorien sucht sie Antworten auf ihre Fragen

Kunz nickt gar nichts ab. Sondern nutzt all die wissenschaftlichen Theorien, die sie an der Uni und beim Frönen ihrer privaten Büchersucht kennengelernt hat, um mit deren Hilfe das Jetzt zu reflektieren. Happychondrie und unsere westliche Obsession mit dem Glück („Happychonder leben in ständiger Angst, nicht happy genug zu sein“); das Gefühl, nur etwas zu sein, wenn man etwas leistet; Corona („Seit C. fühlt sich das Leben manchmal an wie auf Stand-by. Alle warten, aber niemand weiß, worauf“) und die verdammte Sucht nach dem verdammten Internet: „Manchmal fühlt sich das Leben mit Internet an, als würde ich verhungern, obwohl mir die ganze Zeit jemand das Maul stopft.“

Und dann: die ständige Gefallsucht, die sich durch Kunz’ Texte wie durch ihr Leben zieht. Mit der „Bravo Girl!“ fing alles an. Mit Titeln wie „Mit diesen Herbst-Frisuren bist du der Star auf dem Schulhof“ oder „So kommst du bei deinem Schwarm an“.

Völlig uneitel lässt Nina Kunz ihren Gedanken freien Lauf

„Nie gab es Artikel, die gezeigt hätten, wie man sich autonom durch die Welt bewegt oder wie cool Mädchen sind, die gut zeichnen können.“ Eigentlich, schreibt sie, wieder mit diesem unterschwelligen Entschuldigungs-Ton, wolle sie im Alltag gar nicht über ihr Frausein nachdenken. Doch „manchmal packt mich einfach so ein Zorn auf die Welt, wenn ich sehe, dass Frauen fast nie für ihr Begehren wertgeschätzt werden, sondern eher für ihre Bereitschaft, dieses zu zügeln“. Denn das war, was sie die „Bravo Girl!“ lehrte: „Sei hübsch, aber nicht zu hübsch. Iss Karotten, aber nicht zu viele. Drapier dich auf deinem Strandtuch, aber nur, wenn du dabei dünn aussiehst. Be yourself! – aber nur, wenn du die Jungs damit nicht überforderst. Es war eine einzige Gebrauchsanweisung im Sichkleinhalten.“

Es ist ein ehrliches, ein uneitles, und ja, ein feministisches Buch. Ein Glück.

Nina Kunz: „Ich denk, ich denk zu viel“. Kein & Aber, Zürich, 192 Seiten; 20 Euro. Das Buch können Sie bei Ihrem regionalen Buchhändler ums Eck hier kaufen.

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