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„Tanzt auch jemand?“, scheint Jennifer Lopez mit dieser Geste ihre Fans zu fragen. Die recken ihre Mobiltelefone in die Höhe, um den Auftritt des Popstars mitzufilmen. An Applaus, Mittanzen oder einfach nur Zuhören ist da kaum zu denken – schließlich darf das Bild nicht verwackeln.

Mitfilmen statt Mitklatschen

München - Es ist ein zweifelhaftes Hobby, denn es stört die Künstler und zerstört die Stimmung. Statt zuzuhören, mitzuklatschen oder zu tanzen filmen immer mehr Besucher von Pop-, Rock- oder Klassikkonzerten das Geschehen auf der Bühne.

Konzertbesucher kennen das. Man hat Karten für einen Auftritt seiner Lieblingsgruppe, steht zwar weiter hinten, hat aber einen guten Blick zur Bühne – eigentlich, denn vor einem halten Fans ihre Smartphones in die Höhe. Anstatt zu tanzen, stehen sie ruhig da, schließlich darf das Bild nicht verwackeln. „Ich finde es nervig, wenn ich auf Konzerte gehe und die Besucher filmen den Auftritt“, sagt Danijela Kufner vom Veranstalter „südpolmusic“. „Das kann die Stimmung kaputtmachen.“ Kufner ist für Konzerte in der Region zuständig, organisiert Musik- und Musikkabarettauftritte, zum Beispiel von Claudia Koreck oder Martina Schwarzmann. Überall trifft sie auf Handyfilmer.

Veranstalter reagieren darauf unterschiedlich. Die Künstler auch: Der polnische Pianist Krystian Zimerman hat vor ein paar Tagen in Essen sein Konzert mitten im Stück abgebrochen und wütend die Bühne verlassen. Der Grund: Ein Zuhörer hatte seinen Auftritt illegal gefilmt (wir berichteten). Heimliche Videomitschnitte, die später ins Netz gestellt werden, sind schlecht fürs Geschäft: Was man im Internet findet, braucht man nicht mehr zu kaufen. Ulrike Keil vom Klassik- und Jazzkonzertveranstalter „Musikerlebnis“ versteht Zimermans Reaktion: „Die Künstler verkaufen sich ja für ein Konzert.“ Zudem schaden schlechte Aufnahmen dem künstlerischen Ruf: „Bei Mitschnitten sind Ton und Bild oft schrecklich.“ Viele Hobbyfilmer fänden diese „Dummheit“ witzig – aber es gibt einen ernsten Hintergrund: Es werden Eigentumsrechte verletzt. „Wenn der Bayerische Rundfunk ein Konzert mitschneiden will, muss er auch zuerst den Künstler und uns als Veranstalter fragen“, sagt Keil. Deshalb achte man auf ausgeschaltete Handys. Mittlerweile sichert der Veranstalter Künstlern in Verträgen zu, dass bei Konzerten nicht gefilmt wird. Auch im Programmheft und auf den Eintrittskarten ist das Verbot vermerkt. Zudem hat der Saaldienst den Auftrag, die Besucher darauf hinzuweisen. „Jeder nutzt das Internet gerne, aber es muss eine gewisse Sensibilität für Eigentum vermittelt werden“, sagt Keil.

Doch es ist heutzutage schwierig, unerwünschte Videomitschnitte zu vermeiden. Bei „südpolmusic“, sagt Danijela Kufner, würden Konzertbesucher, die schlechte Videos ins Netz stellen, angeschrieben und höflich aufgefordert, diese aus dem jeweiligen Portal zu nehmen. Auf solche stoße man aber eher zufällig oder werde von Außenstehenden informiert. Freilich: Manche Musiker wollen auch gefilmt werden. „Newcomer-Bands fordern die Zuhörer sogar dazu auf, weil es kostenlose Werbung für sie ist.“

Problematisch ist, dass Plattformen wie Youtube kostenlos Videos mit urheberrechtlich geschützten Inhalten zur Verfügung stellen, für diese aber keine Vergütung an die Urheber zahlen, sagt Ursula Goebel, Sprecherin der Musikverwertungsgesellschaft Gema. „Mitfilmer sollten jedoch nicht zu schnell kriminalisiert werden.“ Die Gema hat mit Youtube verhandelt – bisher ohne Erfolg. Das Internetportal macht ihrer Meinung nach ein Geschäft daraus, weil es mit den Inhalten der Urheber Werbeeinnahmen in Millionenhöhe erzielt. Eine Mindestvergütung hat Youtube bislang abgelehnt, mittlerweile prüft die Schiedsstelle des Deutschen Patent- und Markenamts die Höhe der von der Gema geforderten Mindestvergütung auf Angemessenheit.

Während einige Veranstalter auf filmende Fans reagieren müssen, kämpft man bei „Global Concerts“ nicht mit dem Problem. Der Veranstalter holt etwa Rainhard Fendrich und Andreas Gabalier nach München. PR-Agent Alexander von Spreti versteht Pianist Zimermans Reaktion nicht, „da vorab ein Handyverbot ausgesprochen werden kann“. Er appelliert vielmehr ans Qualitätsbewusstsein der Fans: „Ein wackeliges Handyvideo mit schlechter Tonqualität ersetzt keinen Konzertbesuch oder den Kauf einer CD.“

Teresa Pancritius

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