Die Mittel des Gottes

München - Zwei auf einen Streich. Dieter Dorn hat sich viel vorgenommen. Zur Wiedereröffnung des Münchner Cuvilliés-Theaters inszeniert er zwei Produktionen auf einmal. Erstens im Auftrag der Bayerischen Staatsoper Wolfgang Amadeus Mozarts "Idomeneo". Und zweitens: die Schauspiel-Uraufführung von "Idomeneus". Das Stück von Roland Schimmelpfennig ist eine Auftragsarbeit des Bayerischen Staatsschauspiels. Ein Text, der sich mit der antiken Vorgeschichte zur Mozart-Oper befasst. Sozusagen der chorische Prolog.

Regisseur Dieter Dorn zu "Idomeneo" und "Idomeneus"

- "Wir stehen an der Grenze von Aberglaube und Vernunft", heißt es in dem Stück "Idomeneus". Eine zentrale Aussage?

Das ist schon ein zentraler Punkt unserer Zeit. Und wir wissen nicht, sagt der Chor, ob wir es schaffen, uns für das eine oder andere zu entscheiden.

-Ein Stück ohne Rollen, der Text verteilt auf Chor-Gruppierungen. Die Schauspieler, unter ihnen Sibylle Canonica und Stefan Hunstein, im Zuschauerraum, während die Zuschauer auf der Bühne sitzen. . .

Als feststand, dass das Cuvilliés-Theater mit der Oper "Idomeneo" eröffnet wird, fragten wir Schimmelpfennig: Fällt dir dazu etwas ein? Und er hat uns dann diesen Text geschrieben. Ich finde ihn ganz wunderbar. Und ich glaube, es wäre das Falscheste, wenn man die hier erzählten Situationen nachspielen würde. Vielmehr ist es so: Eine Gruppe von Menschen versucht, den Ort allein durch Worte zu imaginieren. Als eine Art kollektives Gedächtnis von Mythen oder Mythen-Varianten.

-Es wird für die Schauspieler nicht einfach sein, sich in diesem wunderbaren Raum zu behaupten.

Das ist richtig. Sie betreten dunkel gekleidet das Parkett. Sie kommen als eine Gruppe von Theatermenschen. Sie tun, als wäre die Bühne, auf der das Publikum Platz genommen hat, frei. An den Pulten des hochgefahrenen Orchestergrabens liegt Mozarts Partitur. Und die Schauspieler beginnen, den chorisch strukturierten Text zu sprechen.

-Haben Sie je daran gedacht, diesen Text rhythmisch zu unterlegen?

Wir werden doch nicht mit Mozart in Konkurrenz treten. Ich denke, die Musikalität so eines A-cappella-Chores liegt darin, dass alle auf einem Atem sind. Das war das Schwerste.

-Sie haben als Regisseur ja Erfahrung mit der Antike und mit Chören. . .

Ja, ein bisschen. Und es macht mir nach wie vor ungeheuren Spaß, Menschen gleichzeitig eine Äußerung machen zu lassen. Weil dabei der ganze private Quatsch wegfällt.

-Die Schauspieler im Zuschauerraum ­ das bedeutet, es gibt kein Bühnenbild.

Es wäre ganz verkehrt, den Text zu bebildern. Hier werden Möglichkeiten erwogen, wie die Geschichte in der Antike gewesen sein könnte. Und eine davon ist die, die Mozart in seiner Oper erzählt. Darauf läuft das Stück von Schimmelpfennig hinaus.

-Wenn man also "Idomeneus" als Prolog zur Oper "Idomeneo" betrachtet, fehlt nach dem Muster des antiken Theaters noch das Satyrspiel. . .

Das stimmt. Vielleicht machen wir so etwas in der nächsten Spielzeit.

-Kommen wir zur Oper. Hier stoßen drei Epochen aufeinander ­ die Antike, die Mozart-Zeit und unsere Gegenwart. Was hat Priorität?

Diese alten Mythen bleiben doch nur am Leben, wenn man sich immer wieder damit beschäftigt und sie immer wieder erzählt. Bei Mozart war es eine Folge der Renaissance. Damals hatte man gedacht, mit den Mitteln des Barock das antike Theater wiederzubeleben. Und erfand dabei die Oper. Wir haben jetzt versucht, von der leeren Bühne auszugehen, vom leeren Raum aus Mozarts Vision zu beschreiben. Das Material auf der Bühne ist nichts anderes als das übliche Bühnenmaterial. Und wir waren bemüht, das Disparate dieser Oper ­ das ist ja das ungeheuer Moderne an Mozart ­ bestehen zu lassen.

-Im Vorfeld wird schon geraunt, dass nichts gestrichen, sondern die Oper im vollen Umfang gespielt wird.

Ein bisschen haben wir schon gestrichen Aber im Prinzip haben wir versucht, uns der Sache zu stellen. Das fängt schon in der Ouvertüre an. Eigentlich hat dieser König Idomeneo gleich unser Mitleid, weil wir sagen: Er hat's falsch gemacht, das mit dem Opfer und dem Schwur, der ihn seinen Sohn kosten wird. Doch darf man nicht vergessen: Dieser Idomeneo war auch ein Schlächter, vermutlich war er der Schlimmste im Trojanischen Krieg, zumindest der mit den meisten Schiffen, nämlich 80. Um das zu zeigen, muss die Ouvertüre herhalten. Und dann kommt Poseidon, schickt ihm einen Sturm und zeigt ihm erst einmal, was Leben ist. Der Gott gebraucht ungeheure Mittel, um Idomeneo dazu zu bringen, dem Unglück, das er verursacht hat, ins Auge zu sehen.

-Für ein bisschen Furor im Vorfeld sorgte die Tatsache, dass in dieser Produktion Königssohn Idamante nicht von einer Sängerin gespielt wird wie bei der Uraufführung und wie es auch heute meist die Regel ist, sondern von einem Mann.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man so eine Geschichte ­ die Liebesgeschichte, der Mann zwischen zwei Frauen, der Vater-Sohn-Konflikt ­ überzeugend nur mit einem Mann spielen kann. Mozart selbst hat ja für die Wiener Aufführung diese Partie für einen Sänger abgeändert. Der war halt ein richtiger Theaterpraktiker. Er hat gestrichen, hinzugeschrieben, je nach Bedarf. Genauso verhält es sich mit dem Ballett. Er kannte den Ballettmeister, der eine Koryphäe gewesen sein muss, aus Mannheim.

-Aber gerade das Ballett wird meistens gestrichen.

Bei uns hat es etwas mit der Eröffnung des renovierten Cuvilliés-Theaters zu tun: Wir lassen am Ende das Orchester hochfahren, die Bühne wird weiß abgedeckt; dazu spielt die Musik, und der Chor und das Paar stehen glücklich auf der Bühne.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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