Im Mittelpunkt des Sonnensystems

"Die Ehe der Maria Braun": - Eine gewaltige Gasexplosion jagt am Ende mit großem Getöse die Villa der Maria Braun in die Luft, und zwar just zu dem Zeitpunkt, als sich die junge Bundesrepublik Deutschland 1954 am Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft berauscht und glücklich in ein "Wir-sind-wieder-wer"-Gefühl taumelt. Verpufft waren mit einem Mal die Utopie, die zarten Anfänge und neuen Möglichkeiten einer veränderten, fortschrittlichen Gesellschaft, für die eine so kluge, emanzipierte Frau wie Maria Braun stehen konnte.

Rainer Werner Fassbinder, der 1978 seine Trilogie "Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" mit dem Film "Die Ehe der Maria Braun" begann, sah es jedenfalls so: Ob Selbstmord oder Unfall ­ während Maria aus dem Herd strömendes Gas mit ihrer Zigarette entzündet, bricht der WM-Radioreporter Herbert Zimmermann in den berühmten Torjubel aus.

Auch Regisseur Thomas Ostermeier verwendet in seiner Bühnenadaption für die Münchner Kammerspiele das sinnstiftende Zitat als akustische Kulisse. Dennoch fällt die fulminante Filmszene bei ihm kläglich klein aus. Aber das ist schon der einzige Vorwurf, den man seiner schönen, stimmigen, seelenvollen Inszenierung machen kann. Da hebt am Ende Maria nur eines ihrer vielen, bauschigen 50er-Jahre-Unterröckchen, die bisher an die Bühnenrückwand projizierte Villa schrumpft darauf auf Spielzeuggröße zusammen, und ein Video-Feuerchen umtobt Marias Unterleib, als ob es nur einen privaten Lebenstraum vernichten würde. Dabei hat sie soeben erfahren, dass sie statt unabhängiger Frau mit Macht und Einfluss doch nur eine Marionette in den Händen ihres Mannes und ihres Geschäftspartners war, die sich Maria per Vertrag untereinander aufgeteilt hatten.

Noch deutlicher als Fassbinder hatte Ostermeier zu Beginn die Liebes- und Sehnsuchtsgeschichte der Maria Braun in einen politischen Rahmen gestellt. Ausführlich und unangenehm gedehnt ­ ein Dia-Abend: Die schönsten Szenen Adolf Hitlers mit Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel, als Begleitmusik lesen Männer in Frauenkleidern Liebesbriefe an den Diktator vor. Darauf erst entrollt sich die filmisch schnelle, antipsychologisierende Folge kurzer, prägnanter Szenen: Marias Hochzeit mit Hermann Braun im Bombenhagel, die Liebschaft als Animierdame und vermeintliche Witwe mit einem Besatzungssoldaten, den sie bei Hermanns Rückkehr tötet. Die Bekanntschaft mit dem Industriellen Oswald, ihre Karriere in der Unternehmensführung, während der Ehemann im Gefängnis sitzt, ganz plötzlich entlassen wird ­ und der im Herzen treuen Gattin Rosen aus dem Ausland schickt.

Wandlungsfähig und pragmatisch wie die für ein ideales fernes Eheglück taktierende, paktierende Maria ist Nina Wetzels Bühne mit ihrer gediegenen 50er-Jahre-Behaglichkeit: Vorhänge ringsum und abgerundete Holzverkleidungen geben dem großen, schnöden Wohn- und Versammlungszimmer den Charme eines Lesesaals im Haus des Kurgastes. Dezent farbige Armlehnstühle, von tarngrün bis meerblau, werden Zugabteil, Konferenzraum, Speiselokal oder Nobelvilla ­ gekrönt vom herabschwebenden, jeweils passenden Lüster.

Mit einer trickreichen Besetzung gelingt es Ostermeier, die Zentralfigur auch in der Totalen des Theaters nicht aus dem Fokus zu verlieren. Vier Männer umkreisen Maria in wechselnden Nebenrollen wie Planeten eine Sonne. Fühlt sich doch diese Frau, raffinierte Verführerin und zupackend wie ein Kerl, als Mittelpunkt des Sonnensystems.

Brigitte Hobmeier spielt das wunderbar, mit hochnäsiger Laszivität, als sei ihr die Rolle auf den Leib geschrieben, und zwar nicht die der Maria ­ sondern Hanna Schygulla als Maria. Dafür kann aber Hobmeier nichts. Bis in den kokett gelangweilten, hochhackigen Gang erinnert sie als Typ so sehr an Fassbinders Schauspielerin, dass sie ­ vielleicht ein erwünschter Effekt ­ einzelne Filmszenen wachruft. Es ist nur ein wenig schade, dass ihr damit eine eigene, fremde, neuartige Ausgestaltung der Figur verwehrt bleibt.

Eine schönes Gegenstück zu ihrem amüsierten Ernst bilden die Männer, vor allem wenn sie in Frauenkleidern ­ manchmal ganz leicht tuntenhaft, aber nie gekünstelt ­ weibliche Rollen spielen: Steven Scharf etwa die so gegensätzliche, passive Freundin Betti, Hans Kremer die schrullige Mutter, Bernd Moss die besorgte Sekretärin.

Das ist nicht nur ein lustiger Einfall. Fassbinder sagte über seine Figuren: "Männer finde ich langweilig." An Frauenrollen, traditionellen, überkommenen oder in Veränderung begriffenen, glaubte er mehr zeigen zu können. Bei Ostermeier wird an diesen Frauen die Fragwürdigkeit ihrer von Männern gemachten, verinnerlichten Lebenskonzepte überdeutlich. Herausragend in der Männerriege ist, nicht als Frau, sondern als Oswald, Jean-Pierre Cornu mit seiner feinen, ironischen Charakterzeichnung.

Eine berückende Variation über Fassbinders Thema, die Wurzeln der Bundesrepublik in den 50ern. Und eine respektvolle Verbeugung vor dem Meister, dessen Todestag sich am 10. Juni zum 25. Mal jährt.

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