Mitten in den fetten Jahren

- Schreiende Männer in Schaftstiefeln, fanatisierte Pimpfe, rasserein und hart wie Kruppstahl auf Wehrübung im deutschen Wald, rundherum knallt und scheppert, raucht und dampft es - wenn die Alliierten nicht wären, wäre überhaupt alles nur halb so schlimm -, und irgendwo unten im Bunker sitzt mit stierem Blick und Chaplin-Bärtchen der, der für alles verantwortlich ist, und sinniert über den "Endsieg".

<P>Fast wirkt der deutsche Gegenwartsfilm wie ein einziger großer Nazi-Erlebnispark: "Der Untergang", "Napola", "Der neunte Tag", hinzu kommt noch das Fernsehen mit seinen "Docufictions" wie "Stauffenberg". Der Trend zur NS-Geschichte ist zwar nicht ganz neu, aber unübersehbar, und daher spiegelt der gestern verliehene Bayerische Filmpreis mit seinen Entscheidungen auch recht gut wider, was zurzeit los ist auf deutschen Leinwänden.<BR><BR>Über Geschmack kann man lange streiten. Ob ein Volker Schlöndorff aber besonders glücklich war, als er gestern gemeinsam mit "Der Untergang" und "Napola" ausgezeichnet wurde? Sein Film "Der neunte Tag" ist jedenfalls ein Gegenstück zu all jenen schicken NS-Melodramen und Entlastungsfilmen - in seiner Strenge, seiner Zurückhaltung, seinem nachdenklichen Ringen um die angemessene Form.<BR><BR>Es gab schon schlechtere Jahre für das deutsche Kino. Drei der fünf zugkräftigsten Filme 2004 stammen aus Deutschland, zwei sind unter anderem in Bayern finanziert worden. Das mag Grund zur Freude sein, denn wer Filme machen will, braucht Geld. Mit großer Kunst haben "(T)Raumschiff Surprise" (9, 1 Millionen Zuschauer) und "7 Zwerge" (6, 5) aber genauso wenig zu tun, wie der bleierne Kitsch des "Untergang" (4, 5). Sie haben einfach zusammen über 117 Millionen Euro in die Kassen von Verleihern, Produzenten und Förderern gespült. Gegönnt sei es ihnen - aber hoffentlich machen sie im nächsten Jahr etwas mehr daraus als nur neue Geldmaschinen.<BR><BR>Der Bayerische Filmpreis aber, von der Staatskanzlei gern als Teil des kulturellen Auftrags verkauft, verkommt immer mehr zum reinen Wirtschaftspreis. Mit ihm werden im Kampf der Standorte ökonomische Erfolge zusätzlich belohnt, oder es wird Filmen, die es nötig haben - wie vielleicht "Napola" oder der von allen wichtigen Festivals abgelehnte "Kammerflimmern" -, Starthilfe gegeben. Die Kunst bleibt dagegen auf der Strecke.<BR><BR>Nur Oskar Roehlers Drehbuchpreis dient als Feigenblatt, um zu verdecken, dass Anspruch und vor allem ästhetischer Mut offenbar weniger gefragt sind denn je. Gewiss, Jessica Schwarz und Matthias Schweighöfer haben den Schauspielpreis schon lange verdient, und auch Julia Jentsch gönnt man ihn gern - aber weit eher für ihren Auftritt in Marc Rothemunds "Sophie Scholl".<BR><BR>Doch der Constantin-Hausregisseur ist mit seinem neuen Film nach Berlin fremdgegangen. Ob die Ignoranz der Jury gegenüber dem einzigen NS-Film, der sich mit Widerständlern befasst, der zeigt, dass die Jugend während der NS-Zeit nicht quasi naturnotwendig begeistert in die Bewegung eintrat, auch damit zu tun hat?<BR><BR>Man darf auch fragen, wofür einem Bernd Eichinger, dessen Verdienste unbestritten sind, noch weitere 200 000 Euro nachgeworfen werden müssen. In einer Zeit, in der viele kleine und engagierte Produzenten ums Überleben kämpfen. So wie Philipp Budweg und Johannes Schmid, mit denen immerhin die VGF (nicht die Staatskanzlei) eine spannende Nachwuchsfirma prämierte.<BR><BR>Was die Filme selbst angeht, so gilt die alte Erfahrung, dass sich das deutsche Kino in Gezeiten bewegt. So wie es mit der Mode der Nazi-Filme bald wieder vorbei sein wird, sollte man im Augenblick des Hochs, bei mancher berechtigten Freude, nicht vergessen, dass die finanzielle Ebbe schneller kommen könnte als geahnt.<BR><BR>Es gab schon bessere Jahre für das deutsche Kino. Ein Aufbruchssignal für mehr künstlerischen Mut hat man bei der Mainstreamparty gestern Abend nicht erlebt. Trotzdem ist Filmkultur mehr als klingelnde Kassen, ein paar Festivalpreise und feiger Kommerz. Es ist der Wille, etwas Aussagekräftiges, auch womöglich Unbequemes über die Gegenwart zu erzählen. Erst wenn das selbstverständlich ist, sind die fetten Jahre nicht so schnell wieder vorbei.<BR></P><P> </P><P><BR> </P>

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