Mittler zwischen Meer und Himmel

- Ab in den Urwald! Vorbei an Quetzal und Ara mit ihrem herrlich bunten Gefieder, vorbei am Affengeschrei und Insektensummen. Und mitten hinein in eine versunkene Hochkultur, die der Wissenschaft seit ihrer Wiederentdeckung vor über 100 Jahren jede Menge Rätsel aufgab. Mächtige Tempelbauten, ganze Städte im Dschungel, ein verblüffendes Schrift- und Kalendersystem, eine eigene Religion, reichster Schmuck, seltsame Schönheitsideale, der Kult um den Kakao und das hochherrschaftliche Ballspiel ­ all das gehört zur Geschichte der Maya, die jetzt im Lokschuppen Rosenheim ausgestellt ist. Die Expedition durch die Rauminstallationen führt nicht nur zu den "Königen aus dem Regenwald" zwischen zweitem und zehntem Jahrhundert, sondern auch zu neuen Forschungsergebnissen. Doch keine Angst: Was Hildesheim und Rosenheim (Roemer- und Peli\-zaeus-Museum) da erarbeitet haben, ist unterhaltsam im grünen Urwald-Gespinst präsentiert.

Zwischen Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador erstreckte sich das Maya-Reich. Zur Blütezeit zwischen 250 und 900 war es so groß wie Deutschland und teilte sich in viele kleine Staaten und mächtige Städte. Die berühmten Pyramidenbauten waren dabei den Herrschern vorbehalten: Das Modell der Anlagen von Palenque zeigt, wie die Architektur Sinnbild des Glaubens war. Der König als Mittler zwischen dem Meer der Unterwelt, der menschlichen Mittelwelt und der Himmelsspanne hatte durch die prächtig bemalten Bauten einen symbolischen Zugang zu allen Bereichen. Keine Wunder also, dass sich die Herrscher in mächtigen, kunstvollen Stelen abbilden ließen.

Das Volk wollte den Mächtigen natürlich nacheifern. Um dem Schönheitsideal mit fliehender Stirn zu entsprechen, wurden die Neugeborenen zwischen Bretter eingespannt und mit Perlenstirnbändern zum Schielen gebracht, im Lauf der Jahre wurden immer mächtigere Pflöcke durch die Ohrläppchen getrieben. Weitere Insignien der Macht und des Wohlstandes waren der Schmuck: Die massiven Jadeketten, wertvoll wie andernorts Gold, konnte man nur tragen, wenn man ein Gegengewicht am Rücken hatte. Der mit Wasser und Gewürzen angerührte Kakao war ohnehin nur dem Hofe vorbehalten, kunstvolle Gefäße erzählen von den Zeremonien. Genauso wie das Kalender- und Schriftwesen. Das Volk konnte die meterlangen Hieroglyphen-Faltblätter gar nicht lesen.

Beherrschend waren und sind die Funde aus den verfeindeten Stadtstaaten Tikal und Calakmul, die sich gegenseitig den Garaus machten. Manch wertvolles Herrscher- oder Kriegsszenen-Relief fiel später Denkmal-Räubern zum Opfer und existiert nur noch fragmentarisch. Eine breite, stimmig verzierte Jademaske mit Pflockschmuck zeigt nicht nur An- und Aussehen, sondern berichtet auch von der Grabkultur mit üppigen Beigaben und reich geschmückten Urnen. Schließlich musste man sich mit den Göttern gut stellen: In einer nachgebildeten Wandmalerei tanzen Adelige mit imposanten Schmuckaufsätzen. Weihrauchgefäße mit maskenhaften Gesichtern zeugen von der Opferkultur. Die Götter konnte man durch Blutopfer, die verbrannt wurden, versöhnen. Auch die Herrscher mussten sich, so zeigen Türstürze und Paneele, mit dem Aderlass göttliche Visionen, geschürt durch Rauch und Drogen, verdienen. Sogar dem überall in den Stadien verbreiteten Ballspiel, dem die Oberschicht mit einer massiven Kautschuk-Kugel und Protektoren frönte, liegen Jenseits-Legenden zugrunde.

Ob daher die Freude am Ballspiel kommt? Die Königskultur an sich ist zwar schon zwischen 800 und 900 wohl aufgrund zahlreicher Kriege zusammengebrochen. Allerdings haben sich Teile der Kultur bis heute erhalten. Acht Millionen Nachfahren der Maya gibt es, die wenigsten allerdings wollen als solche bezeichnet werde. Sie stehen spätestens seit der Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert auf der untersten sozialen Stufe. Ziel der Ausstellung ist es, den Wert der Kultur wieder zu stärken. Die Faszination dafür hat sie schon geweckt.

- Bis 3.10., Mo.-Fr. 9-18 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr; Rathausstraße 24, Katalog: 19,90 Euro. Tel. 08031/ 36 59 036.

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